{"id":101,"date":"2023-08-09T09:54:39","date_gmt":"2023-08-09T07:54:39","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.nordland.online\/?p=101"},"modified":"2023-08-09T10:19:09","modified_gmt":"2023-08-09T08:19:09","slug":"hans-christian-andersen-ein-grosser-europaeischer-maerchenerzaehler-und-das-jante-gesetz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.nordland.online\/?p=101","title":{"rendered":"Hans Christian Andersen, ein gro\u00dfer europ\u00e4ischer M\u00e4rchenerz\u00e4hler und das Jante Gesetz"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">*Der Ausdruck Janteloven bzw. Jantelagen ist in allen skandinavischen L\u00e4ndern gebr\u00e4uchlich und allgegenw\u00e4rtig (Besuchern wird dies durch eine weit verbreitete und ausgepr\u00e4gte Gleichbehandlung aller Menschen vor Augen gef\u00fchrt). Das Jantegesetz beschreibt die kulturellen und politischen Umgangsformen, nach denen es verp\u00f6nt ist, sich selbst zu erh\u00f6hen oder sich als besser und kl\u00fcger darzustellen als andere.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Jante ist im D\u00e4nischen ein kleines Geldst\u00fcck, vergleichbar mit dem Begriff Groschen im Deutschen. Das Jantegesetz ist also sozusagen das \u201eGesetz der recht und billig Denkenden&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Obwohl das Gesetz den Zehn Geboten nachempfunden ist und aus zehn Regeln besteht, ist&nbsp; es nicht wirklich daraus abgeleitet sondern wird als eigenst\u00e4ndige Einheit gesehen:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u2022&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Du sollst nicht glauben, dass du etwas bist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u2022&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Du sollst nicht glauben, dass du genauso viel bist wie wir.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u2022&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Du sollst nicht glauben, dass du kl\u00fcger bist als wir.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u2022&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Du sollst dir nicht einbilden, dass du besser bist als wir.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u2022&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Du sollst nicht glauben, dass du mehr wei\u00dft als wir.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u2022&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Du sollst nicht glauben, dass du mehr bist als wir.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u2022&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Du sollst nicht glauben, dass du zu etwas taugst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u2022&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Du sollst nicht \u00fcber uns lachen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u2022&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Du sollst nicht glauben, dass sich irgendjemand um dich k\u00fcmmert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u2022&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Du sollst nicht glauben, dass du uns etwas beibringen kannst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Andersen wurde von dem Gef\u00fchl geplagt, dass die b\u00fcrgerliche Gesellschaft in Kopenhagen ihn wegen seiner \u00e4rmlichen Herkunft und ohne einen guten Familiennamen nicht vollst\u00e4ndig akzeptierte. Seine St\u00fccke wurden von der Theaterleitung aus \u201eMangel an Stil\u201c abgelehnt und w\u00e4hrend seines ganzen Lebens erhielt er harsche Kritik f\u00fcr seine Schriften. Er schreibe zu viel mit seinem Herzen auf der Zunge. Er galt als zu sentimental und wurde oft als ein guter Improvisator anerkannt, dem aber die Tiefe in seinen Werken fehle, vom Volk werde er zu Unrecht honoriert. In Wahrheit war er seiner Zeit voraus und&nbsp; bezog seine Quellen der Inspiration von Autoren in ganz Europa, w\u00e4hrend die d\u00e4nische Theaterszene in einer Form des romantischen Neoklassizismus stecken blieb. Im Ausland wurde er gefeiert und das weckte in ihm die Vorstellung vom kalten Norden, der ihn kritisierte und dagegen dem warmen S\u00fcden (Deutschland und dar\u00fcber hinaus), wo er gefeiert wurde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aus deutscher Sicht z\u00e4hlt Andersen zu den ganz wunderbaren M\u00e4rchenerz\u00e4hlern, vielleicht war er sogar der Gr\u00f6\u00dfte \u00fcberhaupt. Wer kennt nicht die Geschichte vom h\u00e4sslichen Entlein. Wir werfen ein kurzes Streiflicht auf den Schriftsteller. Im Museum von Odense kann man w\u00e4hrend eines Besuchs weitere, tiefer gehende Erkenntnisse \u00fcber Andersen gewinnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als armes Kind im kleinen, aber selbstzufriedenen provinziellen Zentrum von Odense geboren, machte Andersen w\u00e4hrend der ersten vierzehn Jahre seines Lebens Erfahrungen, die sich pr\u00e4gend auf sein literarisches Schaffen auswirkten. In seiner Autobiographie \u00fcber seine Jugendzeit \u201eLevnedsbogen\u201c hob Andersen hervor, dass alte Sitten und Aberglaube, in denen sich die Odenser Lebensart spiegelte, seine Phantasie zu farbenfrohen Geschichten stimulieren vermochte. So etwas war in Kopenhagen unbekannt. Noch entscheidender waren jedoch seine beunruhigenden sozialen Erfahrungen, auf der niedrigsten Stufe der Gesellschaft aufzuwachsen. Es dr\u00e4ngte ihn, mit seinem sozialen Erbe, der Armut zu brechen um sein Potential durch die Kunst zu entfalten, was ihm als der einzige Ausweg aus dem Dilemma zu sein schien und seine Kindheit zunehmend bestimmte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">D\u00e4nemark und Europa<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Andersens Reisen von Odense nach Kopenhagen setzten sich sp\u00e4ter fort als ein lebenslanges Pendeln zwischen D\u00e4nemark und dem Rest von Europa, wobei Deutschland im Besonderen zu seiner zweiten Heimat wurde. Gleichzeitig pflasterten diese Reisen den Weg zu seinem internationalen literarischen Ruhm. Andersen f\u00fchlte sich auch andernorts in Europa zuhause. Italien beeindruckte ihn durch die Natur, die Lebensart und die Kunst. Andersens Verh\u00e4ltnis zu D\u00e4nemark war ambivalent. Einerseits war es ein Land, ohne das er nicht auskommen konnte, aber welches er manchmal f\u00fcr seine Kleinlichkeit zutiefst verabscheute. Er war das erste gro\u00dfe Opfer dessen, was sp\u00e4ter unter dem Begriff Jantelov*, bekannt wurde und dem auch S\u00f8ren Kierkegaard in den sp\u00e4teren Phasen seiner Werke zum Opfer fiel. Aber im Gegensatz zu Kierkegaard, welcher nie weiter als bis nach Berlin reiste, wurde Andersen zum meist gereisten d\u00e4nischen Schriftsteller seiner Tage. Insgesamt ging er auf neunundzwanzig Auslandsreisen und verbrachte \u00fcber neun Jahre seines Lebens au\u00dferhalb D\u00e4nemarks.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ruhm<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Andersens literarischer Ruhm wuchs rasch ab der Mitte der 1830er Jahre, als seine Romane in Deutschland auflagenstark verbreitet wurden. Ab 1839 waren es die M\u00e4rchen, die ihm einen ziemlich au\u00dfergew\u00f6hnlichen Namen in diesem Land verhalfen. Ab Mitte der 1840er Jahre erfolgte der Durchbruch in England und Amerika, sowohl durch seine M\u00e4rchen als auch durch seine Romane.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220; ich singe nicht &#8211; mein Herz schl\u00e4gt zu heftig &#8222;!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Andersen war zu der Zeit, als er die Geschichte &#8222;die Nachtigall&#8220; schrieb, verliebt. Der kleine Singvogel haucht Leben in den Sterbenden ein, genauso wie die schwedische Sopranistin Jenny Lind seine Gef\u00fchlswelt erhellte. Einen Monat bevor er diese Geschichte schrieb, hatte sich Andersen Hals \u00fcber Kopf in die \u201eschwedische Nachtigall\u201c, wie sie genannt wurde, verliebt. Andersen wurde Jenny Lind im September 1843 im Haus von August Bournonville, dem Ballettmeister, vorgestellt. Damals wurde ein Versuch unternommen, sie dazu zu \u00fcberreden, eine Gastvorstellung am k\u00f6niglichen Theater in Kopenhagen zu geben. Bei dieser Vorstellung gelang Jenny Lind der Durchbruch zu internationaler Anerkennung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir k\u00f6nnen Andersens Gef\u00fchle nachverfolgen, weil er sie in einem kleinen Notizbuch niedergeschrieben hatte. Wir lesen, wie sich die Emotionen des Dichters steigerten: \u201cVerliebt\u201c, \u201eEifersucht&#8220;, &#8222;Heiratsantrag&#8220;, \u201eIch liebe sie\u201c und:&nbsp; \u201e\u00dcbergab ihr einen Brief, den sie verstehen muss. Ich bin verliebt &#8222;.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die letzte Bemerkung kann nicht anders interpretiert werden, als dass Andersen der schwedischen S\u00e4ngerin einen schriftlichen Heiratsantrag machte. Leider existiert der Brief heute nicht mehr, aber es gibt eine Sammlung von Gedichten*, welche er ihr kurz zuvor \u00fcberreicht hatte und ihr dabei z\u00e4rtlich seine Liebe erkl\u00e4rte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es gibt keine Anzeichen, dass Jenny Lind den Brief, den Andersen ihr bei ihrer Abreise gab, beantwortet hat. Zwei Jahre sp\u00e4ter, im Oktober 1845, als sowohl Andersen als auch Jenny Lind den Zenit ihres Ruhms erreicht hatten, gelang es ihr w\u00e4hrend eines Festessens im Hotel Royal, den Antrag Andersens elegant abzuweisen. Bei diesem Anlass \u00fcbergab sie August Bournonville eine kleine Silbertasse mit der Inschrift: \u201eF\u00fcr Ballettmeister Bournonville, der wie ein Vater f\u00fcr mich in D\u00e4nemark gewesen ist, meinem anderen Heimatland.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Herr Bournonville dankte Jenny Lind und sagte zu ihr, dass nun alle D\u00e4nen wie seine Kinder w\u00e4ren und damit zu ihren Geschwistern w\u00fcrden.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jenny Lind antwortete am\u00fcsiert: \u201eDas w\u00e4ren zu viele f\u00fcr mich, ich w\u00fcrde viel lieber nur einen als meinen Bruder w\u00e4hlen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Glas Champagner in ihrer Hand haltend, ging sie zu Andersen und prostete ihm zu: \u201eAuf die Gesundheit mein Bruder&#8220;. Andersen bewahrte das Champagnerglas als eine bitters\u00fc\u00dfe Erinnerung, ausgestellt in seinem Wohnzimmer, bis zu seinem Tode auf.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>*Der Ausdruck Janteloven bzw. Jantelagen ist in allen skandinavischen L\u00e4ndern gebr\u00e4uchlich und allgegenw\u00e4rtig (Besuchern wird dies durch eine weit verbreitete und ausgepr\u00e4gte Gleichbehandlung aller Menschen vor Augen gef\u00fchrt). Das Jantegesetz beschreibt die kulturellen und politischen Umgangsformen, nach denen es verp\u00f6nt ist, sich selbst zu erh\u00f6hen oder sich als besser und kl\u00fcger darzustellen als andere. 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