{"id":62,"date":"2022-01-30T19:22:01","date_gmt":"2022-01-30T18:22:01","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.nordland.online\/?p=62"},"modified":"2022-01-30T19:22:01","modified_gmt":"2022-01-30T18:22:01","slug":"auf-des-messers-schneide","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.nordland.online\/?p=62","title":{"rendered":"Auf des Messers Schneide"},"content":{"rendered":"\n<p>Der finnische Freiheitskampf, ein strategisch taktisches Husarenst\u00fcck<\/p>\n\n\n\n<p>Als Reisender in den Norden frage ich mich, wie es um die gemeinsame Geschichte meines Landes und den verschiedenen Reisezielen im Norden bestellt ist. Finnland ist ein besonderer Fall. Der Titel f\u00fcr den Artikel h\u00e4tte auch hei\u00dfen k\u00f6nnen: \u201ader Feind meines Feindes ist mein Freund\u2018. Aber genau hier liegt der Hase im Pfeffer, ein wahres Minenfeld politischer Debatten bis heute!<br>In Wirklichkeit ging Finnland im Verlauf des 2. Weltkrieges Zweckb\u00fcndnisse ein, um zu \u00fcberleben, die bei genauerem Betrachten genial waren und Finnland einen Platz unter den freien Nationen nach dem 2. Weltkrieg sicherten. 1939 teilten die Diktatoren Adolf Hitler und Josef Stalin Polen in einem geheimen Zusatzprotokoll unter sich auf. Auf Stalins Men\u00fckarte befand sich weiter n\u00f6rdlich allerdings ein unerwartet vergifteter Apfel. W\u00e4hrend die neu gezogenen Grenzlinien Polens im Osten bis heute gelten und die baltischen Staaten von der Sowjetunion quasi geschluckt wurden, leistete Finnland hartn\u00e4ckig Widerstand. Nach dem ersten \u00dcberfall am 30. November 1939 und vernichtenden Niederlagen mit 130.000 gefallenen sowjetischen Soldaten, gelang es Stalin schlie\u00dflich, die zu allem entschlossene kleine finnische Armee zwar zur\u00fcckzudr\u00e4ngen, jedoch nicht zu besiegen.<br>Das Deutsche Reich erschien nach den schnellen milit\u00e4rischen Erfolgen in Westeuropa wie der kommende Star der Weltpolitik in den Augen vieler Finnen. Botschafter Bl\u00fcchow sagte nach dem Inkrafttreten des Hitler-Stalin Paktes den Finnen aber lediglich diplomatische Unterst\u00fctzung zu, ein Ansinnen, dass in Berlin zun\u00e4chst auf Ablehnung stie\u00df, ja f\u00fcr das er sogar abgemahnt wurde. Stalin wurde allerdings seitens der obersten Heeresf\u00fchrung (OHL) gedr\u00e4ngt, den Waffengang in Finnland schnell zu beenden, denn eine m\u00f6gliche Kontrolle der baltischen See durch die britische Flotte war ein Schreckensszenario, das es zu verhindern galt.<br>Finnland, am Ende seiner Kr\u00e4fte und ohne Reserven, musste nach dem Frieden von Moskau am 12. M\u00e4rz 1940 Gebietsabtretungen und demzufolge Umsiedlungen erdulden, aber die Nation blieb bestehen. Zehn Prozent seines Landes verlor Finnland in diesem ersten Waffengang und zw\u00f6lf Prozent der Bev\u00f6lkerung mussten umgesiedelt werden. Finnland hatte 24 923 gefallene Soldaten zu beklagen und weitere 43 537 verwundete Soldaten zu versorgen, eine gewaltige Zahl in einem Land mit gerade mal 3,7 Millionen Einwohnern.<br>Englands Angebot nur eine Woche vor dem Waffenstillstand mit der Sowjetunion, eine f\u00fcnfzigtausend Mann starke Kampftruppe stehe bereit und lediglich Norwegen und Schweden m\u00fcssten dem Durchmarsch zustimmen, wurde von genannten L\u00e4ndern abgelehnt. Finnland selbst war skeptisch, da es das Angebot als Vorwand sah, Eisenerz aus Skandinavien unter britische Kontrolle zu bringen. Tats\u00e4chlich war das Eisenerz aus Norwegen und auch Schweden wichtiger Rohstoff der Kriegsindustrie, so dass die Nazis Norwegen \u00fcberfielen und im Sp\u00e4tsommer 1940 vor der n\u00f6rdlichen Grenze Finnlands standen. Finnland sah sich dadurch von m\u00f6glichen westlichen Verb\u00fcndeten abgeschnitten.<br>Die Leistung der Finnen im Winterkrieg gegen die Sowjetunion unter Marschall Mannerheim beeindruckte die Oberste Heeresleitung (OHL) und nicht zuletzt Hitler. Auf der anderen Seite war die Neueinsch\u00e4tzung der Schlagkraft der sowjetischen Truppen und daraus folgernd die Untersch\u00e4tzung seitens der Heeresf\u00fchrung letztlich fatal f\u00fcr die Nazis. Ob sie entscheidend f\u00fcr die Planungen des Feldzuges \u201aBarbarossa\u2018 waren, wird von Experten bestritten. Die Situation in Finnland mag die Wende gebracht haben, es war jedoch, wenn \u00fcberhaupt, lediglich eine zeitliche Vorverlegung eines Schrittes in Richtung Osten, den Hitler ohnehin plante.<br>Finnlands erste Schlacht war geschlagen und erlaubte den n\u00e4chsten Schritt auf dem Drahtseil der Weltpolitik, der letztlich zu Finnlands \u00dcberleben beitrug. F\u00fcr die Nationalsozialisten auf der anderen Seite war es der Beginn der eigenen Vernichtung.<br>Der amerikanische Oberst Henrik O. Lunde analysiert die 1941 sich anbahnende Ann\u00e4herung von Finnland und den Nationalsozialisten und pr\u00fcft sie auf m\u00f6gliche Vasallenschaft. Aus heutiger Sicht ist Finnlands Schritt mehr als nachvollziehbar. W\u00e4hrend die baltischen Staaten von den Sowjets geschluckt wurden und Menschen zu tausenden in die Konzentrationslager Sibiriens verschleppt wurden, von wo aus sie die Wirtschaft f\u00fcr Jahrzehnte am Leben hielten (Alexander Solschenizyn \u201aDer Archipel Gulag\u2018), k\u00e4mpften die Finnen mit allem was sie hatten, einem solchen Schicksal zu entgehen. Wer kann ihnen das zum Vorwurf machen?<br>Zu Beginn des Krieges warnten die meisten deutschen Gener\u00e4le vor einem Zweifrontenkrieg. Die Einsch\u00e4tzung \u00e4nderte sich nach den schnellen Erfolgen im Westen und der armseligen Vorstellung der Sowjets in Finnland. Die Gener\u00e4le unternahmen wenig gegen Hitlers Ansinnen, die Sowjetunion anzugreifen.<br>Geheime Vereinbarungen zwischen Finnland und der OHL f\u00fchrten zun\u00e4chst zu Verbesserungen der Infrastruktur und schlie\u00dflich der \u00d6ffnung eines Korridors f\u00fcr deutsche Truppen in Lappland. Den zunehmend misstrauischen Sowjets wurde die Truppenverlegung als eine Verteidigung gegen m\u00f6gliche britische Angriffe verkauft, was insbesondere Au\u00dfenminister Molotow schwer zu vermitteln war. Es wurde auf Zeit gespielt um das \u201aUnternehmen Barbarossa\u2018, dem \u00dcberfall auf die Sowjetunion, bestm\u00f6gliche Erfolgsaussichten zu gew\u00e4hren. Den Nazis dr\u00e4ngte es vor allem, die Erzvorkommen zu sichern und Murmansk ins Visier zu nehmen. Das bedeutete, die deutschen Truppen konzentrierten sich im Wesentlichen auf Lappland.<br>Finnland auf der anderen Seite dr\u00e4ngte es danach, die verlorenen Gebiete zur\u00fcckzugewinnen und im Rausch des Siegeszuges soll auch vor der Einnahme fremden Territoriums nicht zur\u00fcckgeschreckt worden sein. Die Teilnahme am Feldzug gegen Leningrad (heute St. Petersburg) wurde von finnischer Seite jedoch verweigert.<br>Achtung vor dem Feind und deren Leistung gilt um so mehr unter Verb\u00fcndeten. So gesehen ist es auch nicht verwerflich, wenn sich Waffenbr\u00fcder gegenseitig anerkennen. Generaloberst Dietl wurde mit der h\u00f6chsten finnischen Kriegsauszeichnung bedacht. Hitler ehrte den finnischen Oberbefehlshaber von Mannerheim am 4. Juni 1942 zum 75. Geburtstag mit einem pers\u00f6nlichen Besuch in Finnland, was dieser noch im selben Monat mit einem Gegenbesuch beantwortete.<br>Andererseits wurde die Ideologie der Nationalsozialistischen Diktatur abgelehnt und das wurde auch akzeptiert. So kam es, dass j\u00fcdisch-finnische Soldaten Seite an Seite mit den Deutschen k\u00e4mpften. Am bemerkenswertesten jedoch ist, dass Finnland keinerlei Abkommen mit Hitler schloss. Die gemeinsame Koordination gr\u00fcndete sich allein auf Waffenbruderschaft.<br>Mit den R\u00fcckschl\u00e4gen an der Ostfront und der Invasion in der Normandie \u00e4nderte sich die Lage und Finnland musste erneut um seine Unabh\u00e4ngigkeit bangen. Nun kam es zu Geheimverhandlungen mit den Sowjets \u00fcber einen m\u00f6glichen Frieden.<br>Oberbefehlshaber Mannerheim, der zwischenzeitlich zum Pr\u00e4sidenten Finnlands aufgestiegen war, schrieb Hitler einen Brief in welchem er sich von ihm und der gemeinsamen Zeit verabschiedete. Am Ende war es f\u00fcr Finnland von vitalem Interesse, dass es keine milit\u00e4rischen Einheiten unter deutscher F\u00fchrung gab, bevor die Sowjets Pl\u00e4ne zur \u00dcbernahme Finnlands schmieden konnten. So kam es gegen Ende des Krieges noch zu bewaffneten Auseinandersetzungen mit den einstigen Verb\u00fcndeten, bis diese schlie\u00dflich aus Finnland vertrieben waren.<br>General O. Lunde besch\u00e4ftigt sich ausgiebig mit dem Schicksal der deutschen 20. Gebirgsarmee deren 250 000 Mann starke Truppe einen R\u00fcckzug \u00fcber zweitausend Kilometer nach Norwegen unternahm und unbesiegt in Norwegen nach Kriegsende die Waffen an die Alliierten \u00fcbergab.<br>Am Ende war die finnische Unabh\u00e4ngigkeit unter Auflagen gesichert und Finnland \u201a\u00fcberwinterte\u2018 als freies Land bis zur endg\u00fcltigen Zerschlagung des sowjetischen Imperiums.<br>Heute ist Finnland ein stolzes Mitglied der freien europ\u00e4ischen Gemeinschaft, wurde aber bis heute nicht Mitglied der NATO, im Gegensatz zu den baltischen Staaten die nach dem Fall der Sowjetunion keinesfalls mehr vom Wohlwollen ihres \u00f6stlichen Nachbarn abh\u00e4ngig sein m\u00f6chten.<br>Heute gibt es viele enge Freundschaftsbande zwischen beiden L\u00e4ndern und die Deutsch-Finnische Gesellschaft bildet zahlenm\u00e4\u00dfig den gr\u00f6\u00dften nordeurop\u00e4ischen Verein in Deutschland.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der finnische Freiheitskampf, ein strategisch taktisches Husarenst\u00fcck Als Reisender in den Norden frage ich mich, wie es um die gemeinsame Geschichte meines Landes und den verschiedenen Reisezielen im Norden bestellt ist. 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