{"id":66,"date":"2022-01-30T19:30:10","date_gmt":"2022-01-30T18:30:10","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.nordland.online\/?p=66"},"modified":"2022-01-30T19:30:50","modified_gmt":"2022-01-30T18:30:50","slug":"finnland-und-deutschland-mehr-als-nur-partner-in-der-eu","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.nordland.online\/?p=66","title":{"rendered":"Finnland und Deutschland, mehr als nur Partner in der EU"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-medium-font-size\">Das Deutsche Reich spielte sowohl im 1. und auch im 2. Weltkrieg eine Rolle im Unabh\u00e4ngigkeitskampf Finnlands. Der Nordlandf\u00fchrer berichtete bereits 2020 \u00fcber den 2. Weltkrieg und die Rolle beider L\u00e4nder darin. Diesmal befragten wir den Geschichtsforscher der Universit\u00e4t Helsinki, Dr. Oula Silvennoinen, \u00fcber die deutsch-finnische Kooperation w\u00e4hrend des 1. Weltkrieges.<\/p>\n\n\n\n<p>Finnland war Teil des schwedischen K\u00f6nigreichs, bevor es Teil des Russischen Zarenreiches wurde. Warum wurde Finnland zu einer Kolonie Russlands? Wie kam es dazu und auf welche Weise herrschte der Zar \u00fcber Finnland?<\/p>\n\n\n\n<p>Finnland war nie eine Kolonie im modernen Sinne des Wortes, sondern seit dem Mittelalter einfach der angestammte \u00f6stliche Teil des K\u00f6nigreichs Schweden. Die schwedischen K\u00f6nige festigten ihre Herrschaft \u00fcber Finnland in der Zeit vom 13. bis 15. Jahrhundert durch den Bau von Burgen. Finnland wurde manchmal als Gro\u00dfherzogtum bezeichnet \u2013 dennoch war es ein integraler Bestandteil des Reiches, wenn auch etwas \u00e4rmer und r\u00fcckst\u00e4ndiger. Nachdem die Russen Finnland zwischen 1808 und 1809 im Rahmen des Abkommens von Zar Alexander mit Napoleon erobert hatten, regierte der russische Zar das Land als Gro\u00dfherzog und setzte somit die schwedische Art der Herrschaft fort.<br>Finnland war w\u00e4hrend des Ersten Weltkriegs von der Teilnahme am Krieg ausgenommen. Im Allgemeinen hat sich die wirtschaftliche Lage Finnlands unter dem russischen Regime verbessert. Welche Motive trieben die Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung voran?<\/p>\n\n\n\n<p>Die wichtigste Motivation hinter der Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung war das Aufkommen des finnischen Nationalismus im 19. Jahrhundert. Dennoch blieb das Land bis in die letzten Jahre des 19. Jahrhunderts ein bemerkenswert loyales Grenzland des Russischen Reiches, bis eine Politik der Russifizierung eingef\u00fchrt wurde mit der Absicht, das Reich kulturell homogener zu gestalten. Dies f\u00fchrte zu heftigem Widerstand aller finnischen Volksgruppen und gab der Idee der Unabh\u00e4ngigkeit immer mehr R\u00fcckhalt. Dennoch war die Wirtschaft weiterhin stark an die M\u00e4rkte in Russland gebunden. Der ausschlaggebende Faktor war der Zusammenbruch des Zarenreiches und die bolschewistische Revolution, welche die letzten Zweifler von der Notwendigkeit eines Bruchs mit Russland \u00fcberzeugte.<\/p>\n\n\n\n<p>Einige Finnen traten dem deutschen Milit\u00e4r, den finnischen J\u00e4gern, bei und bildeten das R\u00fcckgrat der Entstehung der finnischen Armee. Damit k\u00e4mpften sie gegen Russland. Wie l\u00e4sst sich das erkl\u00e4ren?<\/p>\n\n\n\n<p>Als die Unabh\u00e4ngigkeitsaktivisten bereits seit rund f\u00fcnfzehn Jahren Widerstand gegen Russland geleistet hatten, entstand 1914 die J\u00e4ger-Bewegung. F\u00fcr sie war die Idee, unter Anwendung von Gewalt unabh\u00e4ngig zu werden, nichts Neues mehr. Da die Mitstreiter der J\u00e4ger-Bewegung verstanden hatten, dass Russland sie als Verr\u00e4ter betrachtete, war dies f\u00fcr sie mit der wichtigeren Sache eines unabh\u00e4ngigen Finnlands gerechtfertigt. Au\u00dferdem hatte sich die Propaganda der Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung angew\u00f6hnt, die Russen als Erzfeinde Finnlands, seiner Sprache, Kultur und Bev\u00f6lkerung zu bezeichnen. Sie betrachteten den bewaffneten Kampf gegen Russland als einen Befreiungskampf.<\/p>\n\n\n\n<p>Hat Lenin die Unabh\u00e4ngigkeit Finnlands akzeptiert?<\/p>\n\n\n\n<p>Der von Lenin gef\u00fchrte Sowjet der Volkskommissare nahm im Dezember 1917 Finnlands Unabh\u00e4ngigkeitsantrag an. Daf\u00fcr gab es gute Gr\u00fcnde: In der damaligen bolschewistischen Propaganda wurde viel Wert gelegt auf das Recht der Nationalit\u00e4ten im Reich, \u00fcber ihr eigenes Los zu entscheiden. Die Weltrevolution schien wie vorhergesagt zu verlaufen und Finnland w\u00fcrde ohnehin bald zur Einheit mit Russland zur\u00fcckkehren, wenn das finnische Proletariat in der Revolution aufstehen w\u00fcrde. Letztendlich konnte Lenin zu diesem Zeitpunkt wenig tun, um die Unabh\u00e4ngigkeit Finnlands zu verhindern. Die Bolschewiken hatten gerade die Macht \u00fcbernommen und befanden sich noch in einer instabilen Lage, umgeben von Feinden. Sie brauchten keinen zus\u00e4tzlichen Feind mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie kann die extreme Radikalisierung, die in einem Blutbad endete, in einer so kleinen Nation nach dem Ende des Ersten Weltkriegs verstanden werden?<\/p>\n\n\n\n<p>Der radikalisierte Fl\u00fcgel der finnischen sozialistischen Bewegung \u00fcbernahm Ende 1917\/Anfang 1918 die Macht in der Partei und startete einen Revolutionsversuch, unterst\u00fctzt von den bewaffneten Rotgardisten, die sie seit Monaten aufgebaut hatten. Sie wurden auch von der bolschewistischen Regierung ermutigt und materiell unterst\u00fctzt, obwohl Lenin nicht wirklich die Kraft hatte, entscheidend in Finnland einzugreifen. Parallel dazu hatten auch die Nicht-Sozialisten in Finnland ihre Bewaffnung ausgebaut und der B\u00fcrgerkrieg von 1918 wurde zu einem Zusammensto\u00df der roten und wei\u00dfen Paramilit\u00e4rs, wobei die Wei\u00dfen bald die Oberhand gewannen. B\u00fcrgerkriege sind immer blutig, weil die andere Seite nicht nur als Feind, sondern auch als Verr\u00e4ter angesehen wird. Der wei\u00dfe Terror der Kriegs- und Nachkriegszeit und die grausame Behandlung der Verlierer wurden damals mit der Notwendigkeit begr\u00fcndet, einen erneuten Aufstand durch harte Ma\u00dfnahmen zu verhindern.<\/p>\n\n\n\n<p>War das Eingreifen deutscher Truppen entscheidend im finnischen B\u00fcrgerkrieg?<\/p>\n\n\n\n<p>Das Deutsche Reich schickte im April 1918 eine Infanteriedivision unter der F\u00fchrung von R\u00fcdiger von der Goltz nach Finnland. Damit war das Schicksal der Roten Regierung besiegelt, obwohl ihre milit\u00e4rische Niederlage ohnehin unvermeidlich gewesen w\u00e4re. Der finnische Oberbefehlshaber Mannerheim drang vor dem Eintreffen der Deutschen verzweifelt auf eine Entscheidungsschlacht, damit es nicht aussah, als h\u00e4tten die Finnen ohne diese nicht gewinnen k\u00f6nnen. Dies gelang ihm tats\u00e4chlich kurz vor der Ankunft der Infanteriedivision des von der Goltz Anfang April. Tampere, die wichtigste Stadt unter der Kontrolle der Roten, fiel in die H\u00e4nde der Wei\u00dfen.<br>Wie sahen die Finnen den Wandel vom russischen Zaren zum deutschen Prinz Friedrich Karl von Hessen als Regenten?<\/p>\n\n\n\n<p>Das finnische Volk hatte wenig Zeit, sich an seinen K\u00f6nig Friedrich Karl zu gew\u00f6hnen, der im Sommer 1918 vom Parlament gew\u00e4hlt wurde. Friedrich Karl hatte Finnland noch nicht besucht, als er mit dem Fall des Deutschen Kaiserreiches im Herbst abdanken musste. Es war also keine Zeit, die Bev\u00f6lkerung dazu zu befragen, aber viele Finnen waren damals wahrscheinlich der Meinung, dass das Land einen Monarchen brauchte. Schon immer hatte es einen K\u00f6nig oder einen Gro\u00dfherzog gegeben, der Finnland nominell regierte.<\/p>\n\n\n\n<p>Sind heute die Wunden verheilt? Gibt es deswegen noch eine Spaltung im Land?<\/p>\n\n\n\n<p>Finnland konnte 1939 bemerkenswert vereint in den n\u00e4chsten Krieg gegen die Sowjetunion eintreten, obwohl die Finnen etwa zwanzig Jahre zuvor in einem B\u00fcrgerkrieg gegeneinander gek\u00e4mpft hatten. Ein Gro\u00dfteil des Verdienstes geb\u00fchrt der finnischen Republik der Zwischenkriegszeit und ihrer Politik, gerechtere Vereinbarungen f\u00fcr die Arbeiter und die arme Landbev\u00f6lkerung zu garantieren, sowie mit den Bem\u00fchungen, die Grundlagen f\u00fcr ein modernes Sozialsystem und Schulen f\u00fcr die Allgemeinheit aufzubauen. Die Erfahrung des Zweiten Weltkriegs, eines gemeinsam gef\u00fchrten Krieges, festigte dann das Gef\u00fchl einer Vers\u00f6hnung zwischen den Rechten und den Linken. Obwohl der B\u00fcrgerkrieg immer noch oft erw\u00e4hnt wird, insbesondere in der spaltenden politischen Rhetorik der extremen Rechten, kann man sagen, die vorherrschenden Bestrebungen in der finnischen Nachkriegsgesellschaft war eine Historie der Vers\u00f6hnung.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute, nach der Erfahrung der Kolonial-herrschaft, einem blutigen B\u00fcrgerkrieg, und dem 2. Weltkrieg, wie hat dies die finnische Seele und die Sicht der Finnen auf Europa und die Welt ver\u00e4ndert?<\/p>\n\n\n\n<p>Finnen sind von Natur aus gerne unabh\u00e4ngig. Dies hat zwar seine positiven Seiten, f\u00fchrt aber auch dazu, dass einige ihr Land als vom Rest der Welt getrennt betrachten, vielleicht als sicheren Hafen, aber auch als Land, das versuchen sollte, sich von der globalen Politik und den Sorgen anderer fernzuhalten. Wir k\u00f6nnen diese Tendenz als finnischen Isolationismus bezeichnen, das ist besonders im l\u00e4ndlichen, konservativeren Teil der Bev\u00f6lkerung ausgepr\u00e4gt. Finnland ist w\u00e4hrend seiner Unabh\u00e4ngigkeit au\u00dferhalb der westlichen Sicherheitsarchitektur geblieben: in der Zwischenkriegszeit, weil es wirklich keine glaubw\u00fcrdigen Verb\u00fcndeten gegen die wachsende Bedrohung durch die Sowjetunion finden konnte, und in der Nachkriegszeit, weil die Sowjetunion Finnland nicht erlaubt h\u00e4tte, der NATO beizutreten. Dies hat dazu gef\u00fchrt, dass viele Menschen im modernen Finnland denken, eine unabh\u00e4ngige Verteidigung und eine Neutralit\u00e4tspolitik waren eigentlich immer im besten Interesse des Landes.<\/p>\n\n\n\n<p>(Derzeit bef\u00fcrworten 26 Prozent der Finnen eine NATO-Mitgliedschaft und 40 Prozent sind gegen einen Beitritt zum Milit\u00e4rb\u00fcndnis. Anm. der Redaktion)<\/p>\n\n\n\n<p>Die Neutralit\u00e4t Finnlands war von je her eine Folge seiner geografischen Randlage und dem Mangel an Sicherheitspartnern.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielen Dank f\u00fcr das interessante gespr\u00e4ch!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Deutsche Reich spielte sowohl im 1. und auch im 2. Weltkrieg eine Rolle im Unabh\u00e4ngigkeitskampf Finnlands. Der Nordlandf\u00fchrer berichtete bereits 2020 \u00fcber den 2. Weltkrieg und die Rolle beider L\u00e4nder darin. Diesmal befragten wir den Geschichtsforscher der Universit\u00e4t Helsinki, Dr. Oula Silvennoinen, \u00fcber die deutsch-finnische Kooperation w\u00e4hrend des 1. Weltkrieges. 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