„Falschpropaganda und Spekulationen”

Dr. Oula Silvennoinen ist Forscher an der Universität Helsinki und Experte im Bereich der Beziehungen Deutschlands mit Finnland während der Diktatur des Nationalsozialismus. Der Nordlandführer befragte ihn zu Aspekten einer komplizierten Beziehung.

Kann man sagen, dass Finnland ohne Hitler Deutschland ein Teil der Sowjetunion geworden wäre?

Nein, dem würde ich nicht zustimmen. Deutschland unterstützte Finnland in einigen Bereichen, aber es würde zu weit gehen, dass dies entscheidend für die finnische Unabhängigkeit war. Das finnische Problem, wie auch das aller an die Sowjetunion angrenzenden Staaten war, dass es weder von der Weimarer Republik noch von Hitler Deutschland Unterstützung gab. So mußte Finnland alleine gegen die Sowjetunion kämpfen. Finnland schaffte es, sich rechtzeitig von der Wehrmacht zu befreien. Außerdem lag das Hauptinteresse Stalins an der schnellen Einnahme Berlins, anstatt Truppen zur Einnahme Finnlands zu entsenden. Die Sowjetunion gab sich schließlich mit Gebietsabtretungen und der Tatsache, dass sich Finnland vom Krieg an der Seite Deutschlands zurückzog, zufrieden.

Waren die Erfolge der kleinen finnischen Armee im Winterkrieg ausschlaggebend für Hitlers Fehleinschätzung der roten Armee, was letztlich den Untergang der Nazidiktatur besiegelte?

Herman Göring brachte diese falsche Propaganda nach dem Krieg auf. Er behauptete, dass sich Deutschland nach dem Winterkrieg in die Irre führen ließ und die sowjetische Schlagkraft deswegen unterschätzte. Das war reine Spekulation, um zu verbergen, dass die Nazi Führung zu viel riskiert hatte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der finnische Erfolg von solcher Tragweite für den Kriegsverlauf war. Die Nazis hatten sich mit ihrem Unternehmen Barbarossa in fast jeder Hinsicht gründlich verschätzt und dazu mag der Finnland Feldzug einen Beitrag geleistet haben, der aber nicht entscheidend war. Was jeder Generalstab tut bevor er ein anderes Land angreift, ist eine gründliche Analyse des militärischen Potenzials des Gegners. Eine solche Bewertung hätte niemals allein auf dem finnischen Beispiel beruhen können.

Was sind die Gründe für die verhältnismäßig hohen Verluste auf sowjetischer Seite im Finnlandfeldzug?
Die sowjetische Armee war nicht genug dafür ausgerüstet, unter den dort herrschenden klimatischen Herausforderungen erfolgreich zu kämpfen, in schwerem Terrain schnell voranzukommen und den Nachschub zu organisieren. Da war die Truppe doch sehr rudimentär bestückt. Insbesondere im Winterkrieg 1940/41 versuchten die sowjetischen Truppen einen schnellen Sieg zu erringen, indem sie sich mehrmals durch den karelischen Isthmus durchzuschlagen versuchten, ohne ihren Gegner wirklich zu kennen. Es war eine armselige Taktik, die zu hohen Verlusten führte und ein Durchkommen so gut wie unmöglich machte. Das hätte schon eine Lektion aus dem 1. Weltkrieg sein sollen. Wohl hofften die Generäle, Stalin mit guten Berichten zu beeindrucken, was zum Festhalten an dieser selbstmörderischen und einfallslosen Strategie führte.

Schriftliche Verträge, die Finnland an die Nazis binden konnten, gab es nicht. Wie groß war der ideologische Einfluß auf die finnische Bevölkerung?

Das ist schwierig zu beantworten, da es hierzu keine Statistiken gibt. Es kommt darauf an, wen man fragt. Das ist je nach politischer Gesinnung verschieden. Wahr ist, dass das Deutsche Reich nach seinen militärischen Anfangserfolgen ein gefeierter Star in Finnland war, der eine Hoffnung gegen den übermächtigen Feind aus dem Osten sein konnte. Dies verkehrte sich gegen Ende des Krieges mit wachsender Desillusion in das Gegenteil.
Was ich jedoch bemerkenswert finde ist, dass es bis zum Ende der Finnisch-Deutschen Waffenbrüderschaft Leute gab, die Finnland an der Seite Deutschlands sahen, sei es nun Sieg oder Niederlage und die keinen separaten Frieden mit der Sowjetunion wollten.

Wurden Menschen in Finnland in Konzentrationslager verschleppt?

Finnen nein, aber sehr wohl Dutzende Ausländer, die von den finnischen an deutsche Behörden übergeben worden sind. So befanden sich darunter jüdische und polnische Flüchtlinge. Diese wurden teilweise nach Sachsenhausen, Dachau oder Ausschwitz verschleppt. Außerdem übergab die finnische Armee mehr als fünfhundert sowjetische Kriegsgefangene an die deutsche Sicherheitspolizei in Nordfinnland, welche diese wahrscheinlich zum großen Teil exekutierte.

Wie vollzog sich die Wandlung vom Freund zum Feind in der Bevölkerung?

Selbstverständlich gab es durch die jahrelange Waffenbruderschaft enge Bindungen zwischen Soldaten auf beiden Seiten und einen großen Widerwillen, gegeneinander zu kämpfen. Ursprünglich war vereinbart, dass die Deutschen einen geordneten Rückzug antreten und Finnen ebenso geordnet die geräumten Stellungen einnehmen sollten. Trotzdem kam es schließlich doch zu Kämpfen, die dann zu einem Krieg ausarteten, speziell als die Sowjetunion mehr Aktivität auf Seiten der Finnen gegen die sich zurückziehenden Deutschen verlangte. Es war von großem Interesse, der Sowjetunion keinen Grund zu geben, eine militärische Rolle in Finnland zu spielen. Allerdings verursachte die Politik der verbrannten Erde der Nazis, die sich bis in die Finnmark fortsetzte, großes Elend in Lappland und änderte die Sicht auf die Deutschen unter der finnischen Bevölkerung.

Wie sehen die Finnen Deutschland heute in Bezug auf diese Geschichte?

Das ist eine gute Frage und ein weites Feld. Es gibt ein beständiges Interesse an der Finnisch-deutschen Geschichte. Die Historie der deutschsprachigen Welt reicht bis ins Mittelalter zurück. Ich selbst und auch andere schrieben Bücher über die Zeit nach 1918. Es gibt Interesse in der Bevölkerung bei der Interpretation der Beziehungen und ein größeres Bewußtsein über den deutschen Einfluß in Finnland seit dem Mittelalter, sowie eine Anerkennung der deutschen Kultur. Ich habe meinen Sohn gebeten, Deutsch zu lernen (Oula liest und versteht Deutsch). In Bezug auf den 2. Weltkrieg sind die meisten Wunden geheilt, auch wenn die Erinnerung an die Zeit in Lappland bewahrt bleibt. Seit langer Zeit haben sich die Beziehungen zwischen beiden Ländern normalisiert.

Gibt es Freundeskreise, die sich auf historische Bande berufen?

Oh ja, so gibt es hier in Finnland die Finnisch-Deutsche Gesellschaft und in Berlin das Finnland Institut. Auch Leute, die sich für Militärgeschichte interessieren, erkennen die bedeutende Rolle an, die Deutschland gespielt hat.
Es gibt auch Leute aus dem Lager des politischen Rechtsaußen, die meinen, man solle Deutschland danken wegen der 1944 geleisteten Truppenverstärkung im Angesicht der sowjetischen Militär Offensive. Dies ist aber leider ein Versuch, die Nationalsozialistische Ideologie reinzuwaschen, indem man Hitler als Retter Finnlands in der Zeit der Not deklariert.

(Tatsächlich war die militärische Lage für die Deutschen viel verwickelter, denn es befanden sich noch mehr als zweihunderttausend deutsche Soldaten in Lappland, die Gefahr liefen, eingekreist zu werden. Anm. der Redaktion)

Vielen Dank für das Gespräch!