Warum gibt es in Schweden so viele Schießereien und Bombenanschläge?  

Ein Beitrag von Ann-Marie Hedberg Kikuchi

Schweden kämpft seit Jahren mit Bandenkriminalität, doch der jüngste Anstieg war außergewöhnlich. Schießereien und tödliche Bombenanschläge wiederholten sich täglich. Der Polizeichef Anders Thornberg sagte kürzlich: „Es ist die größte Gewaltwelle, die wir jemals im Land erlebt haben.“  

Diese Gewalt ist Terror. Es ist nicht normal, solche Explosionen in einem Land ohne Krieg zu erleben.  

Schweden ist das einzige Land in Europa, in dem tödliche Schießereien deutlich zugenommen haben. Es gehörte zu den Ländern mit einer der niedrigsten Waffengewaltraten in Europa. Aber jetzt sehen wir einen der höchsten Werte in nur zwei Jahrzehnten.  

Premierminister Ulf Kristersson, der nach einer von Debatten über Bandenkriminalität geprägten Wahl an die Macht kam, sagt: „So etwas hat Schweden noch nie erlebt. Kein Land in Europa hat so etwas erlebt.“  

Viele haben Angst nach dieser Mord- und Explosionsserie. In Eskilstuna wurden im August 2022 eine Mutter und ein Kind angeschossen und verletzt. Sie gerieten ins Kreuzfeuer zweier Banden, die aufeinander schossen. Nach dem Angriff sagte der Vater des Kindes gegenüber der Zeitung Dagens Nyheter: „Wie können wir an einem Ort leben, an dem Kinder Gefahr laufen, auf einem Spielplatz erschossen zu werden? Es gibt keine Sicherheit mehr“ – ein Gefühl, das bei vielen von uns Schweden nachhallt.  

Was ist mit unserem friedlichen Land passiert? Was ist die Ursache für Schwedens Problem mit der Bandenkriminalität?  

Das zugrunde liegende Problem muss aufgedeckt werden: Leute konsumieren Drogen. Die kriminellen Banden streiten sich um Kunden. Wenn niemand Drogen konsumieren und kaufen würde, würden Banden und Drogendealer ihr Einkommen verlieren. Aber überall auf der Welt konsumieren Menschen Drogen. Warum kommt es in Schweden zu all dieser Gewalt? Es gibt nicht nur eine Antwort, sondern mehrere. Es ist eine komplexe Situation. Aber hier werde ich einige der Gründe nennen.  

Die Armut hat zugenommen.  

Die schwedische Zeitung Dagens Nyheter veröffentlichte eine Analyse aller seit 2017 wegen Waffendelikten verhafteten oder strafrechtlich verfolgten Personen. Etwa fünfundachtzig Prozent waren im Ausland geboren oder hatten mindestens einen Elternteil, der im Ausland geboren wurde. Etwa einundsiebzig Prozent gehörten zur niedrigsten Einkommensgruppe des Landes.  

Früher war Schweden ein wirtschaftlich gleichberechtigtes Land ohne große Ausschläge nach unten oder oben, doch heute gibt es große Einkommensunterschiede. Mehr junge Menschen haben Eltern, die außerhalb der EU geboren wurden und noch nicht so in der Gesellschaft etabliert sind wie Schweden es sind. Und dann sehen diese jungen Leute, meist Jungen, wie Drogendealer an Geld, teure Autos und Schmuck kommen. Diese Gangster haben es geschafft, sie sind nicht mehr arm und werden zu Vorbildern. Vieles von dem, was passiert, geschieht für Geld und einem Leben mit Status.  

Die fehlende Integration der Einwanderer führte zur Entstehung von Parallelgesellschaften.  

Diese Gewalt wurde teilweise mit der unzureichenden Integration der Migrantenbevölkerung in Schweden in Verbindung gebracht. Schätzungen zufolge wurden zwanzig Prozent der 10,5 Millionen Einwohner Schwedens im Ausland geboren. Es gibt europäische Migranten, aber auch aus Ländern wie Syrien, Somalia, Irak und Afghanistan. Die frühere Premierministerin Magdalena Andersson erklärte, dass „die Integration schleppend voranging, während wir gleichzeitig eine große Einwanderung hatten“, was zu „Parallelgesellschaften in Schweden“ mit „völlig unterschiedlichen Realitäten“ führte. Diese sogenannten „Parallelgesellschaften“ haben Lücken geschaffen, in denen kriminelle Banden florieren und in der Folge auch die Waffenkriminalität.  

Ein Grund für die schlechte Integration ist auch das „EBO-Gesetz“. Diese Regelung besagt, dass Einwanderer und Asylbewerber das Recht haben, dort zu leben, wo sie wollen. Das hört sich sehr gut an – Wahlfreiheit für diejenigen, die kommen. Aber das Ergebnis ist, dass sie mit Landsleuten zusammenleben wollen und sich unter schlechten Lebensbedingungen zusammendrängen. Dies ermöglicht auch die Ausbeutung von Menschen mit illegalen Mietverträgen und hohen Mieten. Schweden hat also eine schlechte Integration sowohl in die schwedische Gesellschaft als auch in die der Einwanderer untereinander.  

All diese Dinge sind in Schweden heikle Themen, über die man sprechen muss. Niemand möchte als Rassist gesehen werden.  

Eine fremde gewalttätige Kultur  

In diesen Parallelgesellschaften haben sich fremde Normen ausgebreitet. Die Kultur krimineller Banden ist durch mangelnden Respekt gegenüber Gesetzen und Vorschriften sowie durch Missachtung öffentlicher Angelegenheiten gekennzeichnet. Sie sind leicht beleidigt, konfliktsüchtig und haben ein Verlangen nach Rache. Es steht im Gegensatz zu den traditionellen Werten in Schweden, die sich durch Gesetzestreue, Toleranz, Konsens, Rationalität und Freundlichkeit auszeichnet. Auch die Normen der Kriminellen haben sich im Laufe der Zeit verändert.  

„Wenn eine Bande anfängt, Kalaschnikows zu benutzen, können andere keine Messer mehr verwenden,“ sagt der Kriminologe Manne Gerell.  

Was diese Art von Kriminalität auszeichnet, sind Brutalität und Rücksichtslosigkeit. Gewalt ist die wahre harte Währung, die in diesen Umgebungen Macht verleiht.  

Gangsta-Rap verherrlicht Kriminalität  

Im schwedischen Fernsehen sprach ein Sprecher der schwedischen Polizei über eine bestimmte Art von Hip-Hop-Musik namens „Gangsta Rap“. Diese Art von Musik verherrlicht das kriminelle Leben und manche unterstützen offen die kriminellen Banden. Menschen, vor allem noch minderjährige Jungen, interessieren sich für Straßenkriminalität und fühlen sich von ihr angezogen und fasziniert. Es zieht nicht nur Einwandererkinder in den Bann, sondern auch Kinder aus Mittelschichtsfamilien.  

Einer der Anführer, der früher von der Türkei aus operierte, machte sich als Geschäftsmann und Drogendealer einen Namen. Auch Rap-Künstler, die ihn unterstützten, halfen ihm, seinen Ruf aufzubauen. Dies hat eine starke Loyalität bei minderjährigen Jungen in Schweden bewirkt, welche sogar bereit sind, große Risiken einzugehen und in seinem Namen verrückte Gewalttaten zu begehen.  

Wenn z.B. ein Mord begangen werden soll, gibt es im ganzen Land junge Leute, die dabei helfen, Autos zu präparieren, Sprengstoff für Bombenanschläge zu besorgen oder andere Kinder zu rekrutieren.  

Gruppen ohne klare Anführer  

Eine weitere Erklärung für die extreme Gewalt ist, dass die kriminellen Banden in armen Gegenden aus losen Gruppen ohne klare Anführer bestehen.  

Um die Ordnung in der Organisation aufrechtzuerhalten, bedarf es starker Führungskräfte. Wenn die Anführer verschwinden, entsteht zunächst ein Vakuum und dann Chaos. So geschah es vor ein paar Jahren, als etwa vierhundert Anführer von Banden durch „Enchrochat“* verurteilt wurden. Viele jüngere Menschen sahen die Chance, verschiedene Bereiche des Drogenverkaufs selbst in die Hand zu nehmen. Das resultierende Chaos führte zu wilden Schießereien und Bombenanschläge nahmen dramatisch zu.  

Illegaler Waffenschmuggel nach Schweden  

Obwohl Schweden über einige der strengsten Waffenkontrollgesetze der Welt verfügt, wurden illegale Schusswaffen aus anderen Ländern eingeschmuggelt. Dies erleichterte den Zugang zu Waffen. Es handelt sich zum Teil um eine verzögerte Folge des langfristigen Waffenschmuggels in kleinem Umfang aus dem Balkan nach dem dortigen Krieg. Einige Waffen wurden nach dem Fall des kommunistischen Ostblocks auch aus Osteuropa gekauft.  

Die Polizei hat einen harten Job  

Im internationalen Vergleich gibt es in Schweden nur wenige Polizisten. Sie kämpfen auch gegen eine Kultur des Schweigens in Gebieten mit Einwanderern. Das Problem besteht darin, dass Opfer sich nicht trauen, Anzeige zu erstatten und Zeugen durch Einschüchterung zum Schweigen gebracht werden. Morde in einem Bandenumfeld sind oft sehr schwer aufzuklären und erfordern sehr große Ressourcen. Im Vergleich zu anderen Morden möchte niemand aussagen oder der Polizei berichten, was er weiß. Nach einem Mord folgt oft ein Rachemord, der später ebenfalls gerächt werden soll. Die Polizei verfügt nicht über die Ressourcen, um alle Morde aufzuklären.  

Ein weiteres Problem für die Polizei besteht darin, dass sich die Haupttäter nicht in Schweden befinden. Sie führen ihr Verbrechernetzwerk in der Sicherheit anderer Länder und können von der schwedischen Polizei nicht habhaft gemacht werden.  

Laxe Strafgesetze  

Die Waffengewalt und die Bombenanschläge sind zum Teil auch auf Schwedens eher milde Strafgesetze zurückzuführen. Bei Schießereien und Bombenanschlägen werden oft Kinder eingesetzt. Je jünger, desto besser, sagen die Banden. Jugendliche erhalten für Morde eine Höchststrafe von nur vier Jahren. Das bedeutet, dass sie ideale Rekruten für Banden sind und entsprechend aktiv gesucht werden. So werden bereits 13- bis 14-jährige zu Mördern.  

Wie kann Schweden seiner tödlichen Welle der Bandenkriminalität ein Ende setzen?  

Das ist eine gute Frage. Wie kann man den Drogenkonsum stoppen? Wie kann die Einfuhr schwerer Schusswaffen gestoppt werden? Wie gelingt die Integration von Einwanderern in Schweden?  

Viele kurzfristige Lösungen wurden diskutiert: mehr Bandenmitglieder hinter Gitter zu bringen, längere Haftstrafen, mehr Polizei. Es wurde sogar darüber gesprochen, Hilfe vom Militär in Anspruch zu nehmen, was in Schweden sehr ungewöhnlich ist.  

Aber die Situation mit den Banden zu lösen, wird Jahrzehnte dauern. Die Rekrutierung von Jungen für kriminelle Banden muss gestoppt werden. Kriminologen argumentieren, dass der beste Weg, dies zu erreichen, darin besteht, stark in Schulen in gefährdeten Gebieten zu investieren. Schulen sind für die Prävention von Jugendkriminalität von entscheidender Bedeutung. Junge Teenager, die in ihrer Ausbildung erfolgreich sind, engagieren sich nicht in kriminellen Banden.  

Vor allem brauchen wir eine ehrliche und offene Diskussion über Bandenkriminalität. Viele der Bandenmitglieder stammen aus Einwandererfamilien. Das ist ein sehr heikles Thema. Es war ein öffentliches Tabu, darüber zu diskutieren, wer hinter der Kriminalitätsepidemie steckt. Schweden besteht nicht mehr nur aus Schweden. Wir müssen Wege für die Integration verschiedener ethnischer Gruppen finden. Und dann müssen wir eine offene öffentliche Diskussion über schwierige Fragen führen, um neue Lösungen zu finden. Schweden muss viel nachdenken und dann handeln. 

* Enchrochat“, erfolgreiches Mithören der Verabredung zum Mord durch die Polizei. Anmerkung der Redaktion 

Hans Christian Andersen, ein großer europäischer Märchenerzähler und das Jante Gesetz

*Der Ausdruck Janteloven bzw. Jantelagen ist in allen skandinavischen Ländern gebräuchlich und allgegenwärtig (Besuchern wird dies durch eine weit verbreitete und ausgeprägte Gleichbehandlung aller Menschen vor Augen geführt). Das Jantegesetz beschreibt die kulturellen und politischen Umgangsformen, nach denen es verpönt ist, sich selbst zu erhöhen oder sich als besser und klüger darzustellen als andere.

Eine Jante ist im Dänischen ein kleines Geldstück, vergleichbar mit dem Begriff Groschen im Deutschen. Das Jantegesetz ist also sozusagen das „Gesetz der recht und billig Denkenden“.

Obwohl das Gesetz den Zehn Geboten nachempfunden ist und aus zehn Regeln besteht, ist  es nicht wirklich daraus abgeleitet sondern wird als eigenständige Einheit gesehen:

•          Du sollst nicht glauben, dass du etwas bist.

•          Du sollst nicht glauben, dass du genauso viel bist wie wir.

•          Du sollst nicht glauben, dass du klüger bist als wir.

•          Du sollst dir nicht einbilden, dass du besser bist als wir.

•          Du sollst nicht glauben, dass du mehr weißt als wir.

•          Du sollst nicht glauben, dass du mehr bist als wir.

•          Du sollst nicht glauben, dass du zu etwas taugst.

•          Du sollst nicht über uns lachen.

•          Du sollst nicht glauben, dass sich irgendjemand um dich kümmert.

•          Du sollst nicht glauben, dass du uns etwas beibringen kannst.

Andersen wurde von dem Gefühl geplagt, dass die bürgerliche Gesellschaft in Kopenhagen ihn wegen seiner ärmlichen Herkunft und ohne einen guten Familiennamen nicht vollständig akzeptierte. Seine Stücke wurden von der Theaterleitung aus „Mangel an Stil“ abgelehnt und während seines ganzen Lebens erhielt er harsche Kritik für seine Schriften. Er schreibe zu viel mit seinem Herzen auf der Zunge. Er galt als zu sentimental und wurde oft als ein guter Improvisator anerkannt, dem aber die Tiefe in seinen Werken fehle, vom Volk werde er zu Unrecht honoriert. In Wahrheit war er seiner Zeit voraus und  bezog seine Quellen der Inspiration von Autoren in ganz Europa, während die dänische Theaterszene in einer Form des romantischen Neoklassizismus stecken blieb. Im Ausland wurde er gefeiert und das weckte in ihm die Vorstellung vom kalten Norden, der ihn kritisierte und dagegen dem warmen Süden (Deutschland und darüber hinaus), wo er gefeiert wurde.

Aus deutscher Sicht zählt Andersen zu den ganz wunderbaren Märchenerzählern, vielleicht war er sogar der Größte überhaupt. Wer kennt nicht die Geschichte vom hässlichen Entlein. Wir werfen ein kurzes Streiflicht auf den Schriftsteller. Im Museum von Odense kann man während eines Besuchs weitere, tiefer gehende Erkenntnisse über Andersen gewinnen.

Als armes Kind im kleinen, aber selbstzufriedenen provinziellen Zentrum von Odense geboren, machte Andersen während der ersten vierzehn Jahre seines Lebens Erfahrungen, die sich prägend auf sein literarisches Schaffen auswirkten. In seiner Autobiographie über seine Jugendzeit „Levnedsbogen“ hob Andersen hervor, dass alte Sitten und Aberglaube, in denen sich die Odenser Lebensart spiegelte, seine Phantasie zu farbenfrohen Geschichten stimulieren vermochte. So etwas war in Kopenhagen unbekannt. Noch entscheidender waren jedoch seine beunruhigenden sozialen Erfahrungen, auf der niedrigsten Stufe der Gesellschaft aufzuwachsen. Es drängte ihn, mit seinem sozialen Erbe, der Armut zu brechen um sein Potential durch die Kunst zu entfalten, was ihm als der einzige Ausweg aus dem Dilemma zu sein schien und seine Kindheit zunehmend bestimmte.

Dänemark und Europa

Andersens Reisen von Odense nach Kopenhagen setzten sich später fort als ein lebenslanges Pendeln zwischen Dänemark und dem Rest von Europa, wobei Deutschland im Besonderen zu seiner zweiten Heimat wurde. Gleichzeitig pflasterten diese Reisen den Weg zu seinem internationalen literarischen Ruhm. Andersen fühlte sich auch andernorts in Europa zuhause. Italien beeindruckte ihn durch die Natur, die Lebensart und die Kunst. Andersens Verhältnis zu Dänemark war ambivalent. Einerseits war es ein Land, ohne das er nicht auskommen konnte, aber welches er manchmal für seine Kleinlichkeit zutiefst verabscheute. Er war das erste große Opfer dessen, was später unter dem Begriff Jantelov*, bekannt wurde und dem auch Søren Kierkegaard in den späteren Phasen seiner Werke zum Opfer fiel. Aber im Gegensatz zu Kierkegaard, welcher nie weiter als bis nach Berlin reiste, wurde Andersen zum meist gereisten dänischen Schriftsteller seiner Tage. Insgesamt ging er auf neunundzwanzig Auslandsreisen und verbrachte über neun Jahre seines Lebens außerhalb Dänemarks.

Ruhm

Andersens literarischer Ruhm wuchs rasch ab der Mitte der 1830er Jahre, als seine Romane in Deutschland auflagenstark verbreitet wurden. Ab 1839 waren es die Märchen, die ihm einen ziemlich außergewöhnlichen Namen in diesem Land verhalfen. Ab Mitte der 1840er Jahre erfolgte der Durchbruch in England und Amerika, sowohl durch seine Märchen als auch durch seine Romane.

“ ich singe nicht – mein Herz schlägt zu heftig „!

Andersen war zu der Zeit, als er die Geschichte „die Nachtigall“ schrieb, verliebt. Der kleine Singvogel haucht Leben in den Sterbenden ein, genauso wie die schwedische Sopranistin Jenny Lind seine Gefühlswelt erhellte. Einen Monat bevor er diese Geschichte schrieb, hatte sich Andersen Hals über Kopf in die „schwedische Nachtigall“, wie sie genannt wurde, verliebt. Andersen wurde Jenny Lind im September 1843 im Haus von August Bournonville, dem Ballettmeister, vorgestellt. Damals wurde ein Versuch unternommen, sie dazu zu überreden, eine Gastvorstellung am königlichen Theater in Kopenhagen zu geben. Bei dieser Vorstellung gelang Jenny Lind der Durchbruch zu internationaler Anerkennung.

Wir können Andersens Gefühle nachverfolgen, weil er sie in einem kleinen Notizbuch niedergeschrieben hatte. Wir lesen, wie sich die Emotionen des Dichters steigerten: “Verliebt“, „Eifersucht“, „Heiratsantrag“, „Ich liebe sie“ und:  „Übergab ihr einen Brief, den sie verstehen muss. Ich bin verliebt „.

Die letzte Bemerkung kann nicht anders interpretiert werden, als dass Andersen der schwedischen Sängerin einen schriftlichen Heiratsantrag machte. Leider existiert der Brief heute nicht mehr, aber es gibt eine Sammlung von Gedichten*, welche er ihr kurz zuvor überreicht hatte und ihr dabei zärtlich seine Liebe erklärte.

Es gibt keine Anzeichen, dass Jenny Lind den Brief, den Andersen ihr bei ihrer Abreise gab, beantwortet hat. Zwei Jahre später, im Oktober 1845, als sowohl Andersen als auch Jenny Lind den Zenit ihres Ruhms erreicht hatten, gelang es ihr während eines Festessens im Hotel Royal, den Antrag Andersens elegant abzuweisen. Bei diesem Anlass übergab sie August Bournonville eine kleine Silbertasse mit der Inschrift: „Für Ballettmeister Bournonville, der wie ein Vater für mich in Dänemark gewesen ist, meinem anderen Heimatland.“

Herr Bournonville dankte Jenny Lind und sagte zu ihr, dass nun alle Dänen wie seine Kinder wären und damit zu ihren Geschwistern würden.“

Jenny Lind antwortete amüsiert: „Das wären zu viele für mich, ich würde viel lieber nur einen als meinen Bruder wählen.“

Ein Glas Champagner in ihrer Hand haltend, ging sie zu Andersen und prostete ihm zu: „Auf die Gesundheit mein Bruder“. Andersen bewahrte das Champagnerglas als eine bittersüße Erinnerung, ausgestellt in seinem Wohnzimmer, bis zu seinem Tode auf.

Aus Freude am Musizieren zum Retter in der Not

Lesen Sie hier über den folgenreichen Besuch einer Ärztin die ursprünglich auf die Färöer-Inseln kam, um Geige zu spielen.

Der Carnitin-Transporter-Mangel (CTD) ist eine seltene Erbkrankheit, die, wenn nicht erkannt, zum vorzeitigen Tod führen kann. Es handelt sich hier um eine Stoffwechselstörung die vermehrt auf den Färöer-Inseln auftritt, aber lange Zeit unentdeckt blieb. Zu den Menschen, die entscheidend zur Überwindung dieser Geisel beitrugen, zählt Frau Dr. Ulrike Steuerwald aus Hannover.

Ihr waren die Färöer-Inseln bereits bekannt als sie im Rahmen eines zehnjährigen Jubiläums des Sinfonieorchesters, bei dem sie Geige spielte, 1993 die Einladung erhielt an einer Aufführung in Tórshavn teilzunehmen. Dort erfuhr sie von der einzigen leider unbesetzten Stelle des Kinderarztes und wurde prompt von Pál Weihe, dem damaligen Leiter des Krankenhauses, ersucht, hier eine Lücke zu schließen. Die Not war so groß, dass Kinder mit besonders schweren Erkrankungen nach Kopenhagen zur Behandlung ausgeflogen werden mussten. Zu dieser Zeit hatte Frau Dr. Steuerwald ein Stellenangebot in Washington DC (USA), änderte aber ihre Pläne, sehr zur freudigen Erleichterung von Páll. So kam es, dass Frau Dr. Steuerwald anstatt nach Amerika für ursprünglich vorgesehene vierzehn Monate auf die Färöer-Inseln zog. Nach dieser Zeit war man von ihren Fachkenntnissen so sehr angetan, so dass sie blieb und insgesamt fünf Jahre auf den Färöern praktizierte. Kinderärzte in Dänemark wurden damals besser in Allgemeinmedizin, also mit breiterem Wissen unterrichtet, dafür weniger in der spezialisierten Behandlung und Versorgung von Neu- und Frühgeborenen. Kurzum, die Ärztin blieb bis 1998 auf den Inseln und kommt seitdem regelmäßig, um Stoffwechselpatienten zu betreuen und um im Rahmen von groß angelegten, international geförderten Studien die Auswirkungen von Umweltgiften zu untersuchen. 

In ihrem Studium lernte sie, wenn Erkrankungen bei Kindern atypisch verlaufen, die Möglichkeit von Stoffwechselerkrankungen im Blick zu haben, insbesondere in kleinen, abgegrenzt lebenden Bevölkerungen.

„So kam es, dass ich bei scheinbar normalen Infekten weitergeschaut habe“, berichtet Frau Dr. Steuerwald. Genetik war zu dieser Zeit nicht sehr populär bei den Färingern. Erst als es möglich wurde, eine andere für die Inseln typische Erkrankung anstatt durch eine Leberpunktion durch eine einfache Blutuntersuchung zum Nachweis einer bestimmten genetischen Auffälligkeit zu diagnostizieren, änderte sich diese Sichtweise.

Erstmals wurde Dr. Steuerwald 1995 auf die eingangs erwähnte Stoffwechselerkrankung aufmerksam. Bei einem jungen Patienten konnte durch Blutanalyse festgestellt werden, dass es sich um den Carnitin-Transporter-Mangel handelte. In der Folge wurden weitere Kinder mit dieser Krankheit gefunden.

„Meist muss man nicht weiter als sechs Generationen zurück gehen, um einen gemeinsamen Vorfahren unter scheinbar Fremden auf den Inseln auszumachen“, erklärt die Ärztin. Damit ist die Gefahr des Auftretens von Erbkrankheiten deutlich höher als in bevölkerungsreichen Gemeinschaften.

Es vergingen aber noch Jahre, bis eine Methode zur systematischen Erkennung der Krankheit entwickelt und eingesetzt werden konnte. Nach ihrer Rückkehr nach Deutschland (1998) widmete sich Frau Dr. Steuerwald einem Zusatzstudium mit Schwerpunkt Prävention im Gesundheitswesen. Im Rahmen dieser Ausbildung absolvierte sie ein Praktikum in einem Speziallabor in Hannover, in dem sie in die neue Untersuchungsmethode eingeführt wurde, mit der auch ein Carnitinmangel im Blut von Neugeborenen nachgewiesen werden kann. Diese Untersuchungstechnik wird seit 2002 auch in Dänemark angewendet – dort wird das Neugeborenen-Screening der färöischen Babys standartmäßig durchgeführt.

2008 und 2009 verstarben zwei junge färöische Erwachsene, bei denen als Todesursache ein schwerer Carnitinmangel durch einen Carnitin Transporter-Defekt (CTD) festgestellt wurde. Daraufhin wuchs in der Bevölkerung der dringliche Wunsch, Möglichkeiten zu schaffen, um von der Krankheit betroffene Menschen schnell ausfindig zu machen, denn der Verdacht, dass es sich um eine häufig auftretende Krankheit handelte, erhärtete sich. Die Krankheit kann nämlich recht gut und nebenwirkungsfrei durch die regelmäßige Einnahme eines Medikamentes in Form von Saft oder von Tabletten behandelt werden. 

Nach einer längeren Debatte, wie man die Erkrankung sicher und kostengünstig bei allen Interessierten aufdecken könnte, entschied sich das Land, Carnitin in Trockenblut-Proben messen zu lassen – eine einfache und dennoch ziemlich fehlerfreie Methode. Der Andrang für die Blutentnahme bei den färöischen Laboren war überwältigend. Zu Hunderten standen die Menschen Schlange! 

Leider war es nicht möglich, die Untersuchung den Bürgern kostenfrei anzubieten und die Landeskasse bezahlen zu lassen, das hätte das Budget des Gesundheitsresorts zu stark belastet. Aber das Labor in Hannover bot den Test für einen sehr niedrigen Preis an, der nur die tatsächlichen Materialkosten deckte auf Vermittlung von Frau Dr. Steuerwald und als eine großzügige Geste von Professor Sander, dem damaligen Laborleiter.  Solche Vorsorge-Untersuchungen werden vom färöischen Gesundheitswesen eigentlich kostenfrei angeboten, daher musste eigens für dieses Projekt eine Gesetzesänderung im Thing – dem färöischen Parlament – vorgenommen werden. Nach der Blutentnahme wurden die Proben nach Deutschland verschickt. Ergab sich bei der Untersuchung ein dringlicher Krankheitsverdacht, erfolgte eine telefonische Rückmeldung an die Klinik in Tórshavn. Dort wurden die Betroffenen unverzüglich einbestellt und erhielten lebensrettende Behandlungen. 

Pál Weihe lobte die altruistische Einstellung der Ärztin. Sie selbst erklärte gegenüber dem Nordlandführer, dass sie es mit der reinen Behandlung nicht bewenden ließ. Sie nahm sich die Zeit, um in Abendkursen den Patienten die Auswirkungen und die Konsequenzen bei Nichteinnahme der Medikamente zu erläutern und verbreitete so das Verständnis um die Krankheit. Eine Initiative die von den Färingern hochgeschätzt wird.

Kein Wunder, dass die meisten Färinger „Ulrike und CTD“ kennen. Manche sprechen die Ärztin sogar einfach an wo auch immer sie ihr begegnen und erzählen ihr, dass die Frau Doktor ihnen bei der Geburt eines Kindes half, oder wie sie ihr Asthma krankes Kind behandelt hatte. Sie fühlt sich nach eigener Aussage heute genauso auf den Färöer-Inseln zuhause wie in ihrer Heimat Hannover. 

Das Protokoll einer Geißelung

Lepra war eine der grausamsten Heimsuchungen welche Menschen ohne wirksame Gegenwehr am ganzen Körper furchtbar entstellte. Bakterien verursachten seit vorbiblischer Zeit schreckliche Tragödien. Unentdeckt und unerkannt verrichteten sie ihr grausames Handwerk bis ein Bergener Arzt ihnen endlich auf die Schliche kam.
Krankheiten oder Unglücksfälle gehören nicht unbedingt zu den beliebten Unterhaltungsthemen, schon gar nicht im Urlaub. Wer jedoch über die Hintergründe der Überwindung von Lepra mehr verstehen will, der wird bei einem Besuch des Lepramuseums in Bergen so einiges in Erfahrung bringen können. Es ist im St. Jörgensen Krankenhaus untergebracht, ein ehemaliges Heim für an dieser lange Zeit als unheilbar geltenden Krankheit leidenden Menschen. Gerhard H. A. Hansen entdeckte in Bergen 1873 beim Blick in sein Mikroskop, dass Lepra wahrscheinlich durch bestimmte stäbchenförmige Bakterien ausgelöst wurde. Das war der Beginn des Durchbruchs im Kampf gegen diese grausame Erkrankung. Schon aus biblischer Zeit bekannt, gehört Lepra zu den ältesten Plagen der Menschheit. Die Krankheit hatte nach ihrem Ausbruch drastische Folgen für die Betroffenen. Lepra, das zu nächst die Haut angreift, führt im weiteren Verlauf zu entsetzlichen Verstümmelungen der Gliedmaßen und hatte früher zur Folge, dass die Erkrankten aus der Gesellschaft ausgeschlossen wurden. Daher stammt auch die Bezeichnung „Aussatz“ für Lepra. Nicht selten wurden Betroffene am Eingang zur Quarantäne, wenn es denn eine solche gab, mit einer Totenzeremonie für immer verabschiedet. Fortan galt der Kranke als tot, obwohl er noch am Leben war und von den An gehörigen wurden keine weiteren Kontakte erwartet oder gar erwünscht. Mit dem Einzug der christlichen Barmherzigkeit änderte sich das Verhalten den Kranken gegenüber und besonders Geistliche und Nonnen wandten sich ihnen in selbstloser Fürsorge zu. Das St. Jörgens Krankenhaus Im St. Jörgens Krankenhaus, das mit dem Ableben des letzten Patienten 1946 geschlossen wurde, ist die fünf hundertjährige Geschichte einer Einrichtung für Aussätzige dokumentiert. Generationen von Leprakranken waren hier einst untergebracht, denn mit dem Ausbruch der Krankheit waren sie gezwungen, ihre gewohnte familiäre Umgebung zu verlassen um zeitlebens in dieser Einrichtung zu bleiben. Trotz aller Tragik ihrer Erkrankung lebten sie doch in einer für damalige Verhältnisse vergleichsweise menschenwürdigen Umgebung, wenn auch jede Aussicht auf Heilung quasi ausgeschlossen war. Geistliche, Ärzte, Nonnen und weltliche Krankenschwestern kümmerten sich um die Ausgestoßenen und waren dabei selbst in ständiger Gefahr, angesteckt zu werden. Sein heutiges Aussehen erhielt das Institut 1745, nach dem es in den voran gegangenen Jahrhunderten wiederholt abgebrannt war, dann allzu hastig wieder aufgebaut und aufs Neue abgerissen, wurde es damals schließlich ganz neu konstruiert. Die Patienten beschäftigten sich, soweit möglich, in Haus und Hof und waren für ihre Versorgung, wie z.B. das Zubereiten von Speisen, selbst verantwortlich. Im Westflügel war eine Abteilung für Patienten mit weniger ansteckenden Krankheiten untergebracht und teilweise hat man St. Jörgens auch als Seniorenheim genutzt. Imposant ist auch die aus mächtigen Holzplanken gezimmerte Kirche, die in das Ensemble integriert ist. Das Museum befindet sich im Stadtzentrum von Bergen und ist daher gut erreichbar. Die Inneneinrichtung ist mit Hinweisen ausgestattet, derzeit allerdings nur auf Norwegisch. Es empfiehlt sich daher, nach einer Führung zu fragen oder eine Broschüre (nur in Englisch) im Museum zu kaufen.

Von übernatürlicher Liebe überrascht und die Folgen für eine moderne Frau

Es war nicht die Geschichte einer übernatürlichen Begegnung mit dem Göttlichen, das unsere Redaktion bewog, ein Interview mit Charlotte Rörth zu führen, sondern die Tatsache, dass ganz Dänemark von ihr spricht. Charlotte ist Journalistin und war Agnostikerin. Sie entsprach so völlig dem Klischee einer modernen skandinavischen Frau, dass man nicht umhinkommt, ihrem denkwürdigen Erlebnis Ende 2008 Beachtung zu schenken.

Was ist für Sie die typische Lebenswelt einer Dänin in Bezug auf die inneren Qualitäten wie Glück, Liebe und inneren Frieden? Wie war Ihr Leben vor Ihrem besonderen Erlebnis mit Jesus?


Die typische dänische Denkweise ist sehr rational ausgerichtet. In den verschiedenen Ranglisten erscheinen wir immer wieder an der Spitze der Länder mit den glücklichsten Bürgern. Der Hauptgrund dafür ist, dass wir Vertrauen in unsere Gesellschaft haben. Wir vertrauen unseren Politikern, der Bürokratie und dem Gesundheitssystem. Das sind die Ergebnisse, zu denen Soziologen kommen. Vertrauen ist hier der wesentliche Faktor. Nicht so sehr Glück oder glücklich sein, sondern Glück im Sinne von sich sicher zu fühlen, dass man sich um einen kümmert. Es ist die Wohlfahrtsgesellschaft, welche uns zu den glücklichsten Menschen der Welt macht.
Glück im eigentlichen Sinne ist es nicht und das sehen wir, wenn wir unser Augenmerk auf den mentalen Zustand setzen. Die Selbstmordrate gehört hier zu den höchsten der Welt. Es gibt eine wachsende Zahl von Menschen mit psychischen Krankheiten und das hat nichts mit Sicherheit zu tun, sondern damit, dass jemand keinen Sinn im Leben erkennt. Den Traum vom Wohlfahrtsstaat haben wir erfüllt, aber das ist ein praktischer Traum, der uns nicht den Sinn des Lebens erklärt. Hier haben wir ein Defizit. Wir haben das Gefühl, dass wir das nicht brauchen und auch nicht wollen (Sinn). Es ist ein Dilemma, je mehr die Gesellschaft sich um alle kümmert, umso weniger Verantwortung übernimmt der Einzelne und fühlt sich als Teil des Ganzen. Und das ist so, weil wir den Glauben außen vorlassen und alles nur rational wahrnehmen.
Auf der anderen Seite suchen die Menschen nach dem Sinn des Lebens und es gibt heute zunehmend mehr Spiritualität als noch vor zehn Jahren. Da die Kirche eine große Rolle in der Gesellschaft spielt, wurde sie ebenfalls sehr nüchtern und grenzte den spirituellen Teil aus. Aber genau danach suchen die Menschen heute. Viele meinen, es gäbe diese nicht innerhalb der Kirche, aber es gibt sie doch.
Ich war eine durchschnittliche Person, irgendwie sehr normal: Gute Ausbildung, eine großartige Arbeit, drei sehr fordernde Kinder. Ich kümmerte mich gewöhnlich um andere und hatte gar keine Zeit, meinen inneren Frieden zu suchen und zu finden. Es hieß zunächst, ich könne keine Kinder bekommen und als ich dann schwanger wurde, war ich so glücklich. Ich würde nie behaupten, dass ich mein Leben meisterte. Ich war eine normale Person aber auch ausgefüllt mit viel Arbeit und ohne einen Moment des Innehaltens oder der inneren Ruhe. Es gab niemanden, der mich umsorgte, während ich mich stets um andere bemühte.

Eine Werbekampagne der dänischen atheistischen Gesellschaft im Jahr 2016 führte zu einer großen Anzahl von Austritten aus der (Staats-)Kirche. Wie denken Sie darüber?

Das war eine maßlos übertriebene Behauptung! Sie hängen an Gott wie kaum eine andere Gruppe, denn ohne Ihn hätten sie nichts wogegen sie sich wenden könnten. Sie hängen an einer überholten Vorstellung über Gott: Einem weisen alten Mann mit Bart, der in den Wolken sitzt und über uns regiert. Das ist aber nicht die Vorstellung, welche die meisten Gläubigen teilen. Die meisten glauben an eine undefinierte, allem zugrundeliegende Macht. In mancher Hinsicht ist das gut, für mich ist es jedoch zu schwammig.

In Ihrem Buch schreiben Sie, der Protestantismus habe das religiöse Leben den Menschen ausgetrieben. Was meinen Sie damit?


Die Reformation war mehr eine Initiative der weltlichen Autorität, nicht so sehr eine religiöse. Davor waren die Kirche und der Staat mit dem König eine Einheit. Mit der Reformation kam es zu einer Aufteilung, in deren Verlauf der Mystizismus verlorenging. Auch wenn Luther ein Geistlicher war, die Reformation war nicht geistlich ausgerichtet. So wie ich es sehe, beinhaltet die Reformation nur teilweise Luthers Ideen. Das religiöse Leben wurde quasi verstaatlicht und ging verloren. Schulen wurden errichtet, Bibelstudien eingerichtet, aber die Menschen wurden mit Fragen nach dem Sinn des Lebens allein gelassen. Wir kämpfen heute immer noch damit. Dänemark erlebte auch eine Zeit des Pietismus, aber dieser wurde immer beiseitegeschoben und erntete Spott, ebenso wie die charismatischen Bewegungen. Eine der brutalsten Methoden, Menschen auszuschließen ist, sich über sie lustig zu machen. Das ist ein Werkzeug, welches die protestantische Kirche nutzte, um solche Menschen loszuwerden. Beide Bewegungen können eine Menge unkontrollierbarer Emotionen auslösen unter Gläubigen, während der Protestantismus Kontrolle ausübt. Ich hatte eine Menge Probleme damit.
Im Kern unterscheiden sich der Katholizismus und der Protestantismus nicht, aber im nächsten Schritt, dem religiösen Leben, unterscheiden sie sich doch sehr. Ich war überrascht, dass die protestantische Kirche in Dänemark mich aufnahm. Es war fast so als ob sie jemanden wie mich herbeigesehnt haben. Ich konnte Protestant sein und Begegnungen mit Gott und geistige Erlebnisse haben. Derzeit schreibe ich ein Buch darüber, wie es ist, eine christliche Frau in einer modernen Gesellschaft zu sein. Ich kann das schreiben, da ich keine ausgebildete Theologin bin. Für mich bedeutet Glaube nicht Religion, sondern zu erfahren, dass Gott mich liebt. Dies steht einer Ausbildung an einer theologischen Hochschule nicht nach. Im Protestantismus sagen wir, dass wir alle gleich sind und ein jeder ein Priester ist, aber das, was sie tun (Kirche) ist das Gegenteil. Sie sind nicht bereit anzuerkennen, dass mein Glaube genauso stark ist, wie wenn jemand eine Ausbildung genossen hat. Jemand mit theologischer Ausbildung hat das Recht mich zu korrigieren, selbst wenn der protestantische Glaube dies verneint. Ich finde, niemand hat das Recht sich in die Beziehung mit Gott einzumischen!


Viele glauben Ihnen, dass Sie Jesus tatsächlich begegnet sind, gerade deswegen, weil Ihr Leben vorher so „normal“ gewesen ist. Wie wirkt sich das in Dänemark aus?


Nun, es hatte viel mehr Aufmerksamkeit erzeugt als die Werbekampagne der Atheisten. Alle großen Medien in Dänemark führten ein Interview mit mir und bezeichnen mich als ein Phänomen. Der Leiter der dänischen Bibelgesellschaft meint sogar, dass ich bedeutender sei als alles, was in den vergangenen Jahren in der Kirche geschehen sei. Es war wie ein Schneeballeffekt, es war nicht ich als Person, sondern es traf einen Nerv bei vielen Leuten. Ich bin ‚normal‘ und tue das was die meisten ebenfalls tun. Ich erhielt tausende Briefe von Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht hatten wie ich. Das ist nicht verwunderlich: in umfangreichen Umfragen ist dokumentiert, dass fünfzig bis fünfundsiebzig Prozent von uns geistige Erfahrungen machen, wir reden nur nicht darüber. Die BBC im Zusammenwirken mit der Universität von Wales dokumentierte, dass sechsundsiebzig Prozent der Befragten Erfahrungen gemacht haben, die über die rationale Wirklichkeit hinausgehen. Das Forum des amerikanischen Pew Forschungszentrums für Religion und öffentliches Leben fand 2009 heraus, dass fast jeder zweite Amerikaner übernatürliche Erfahrungen gemacht hat. Nicht alle von Ihnen werden zu Christen oder tun, was ich tue, sondern leben ihr Leben weiter. Ich denke, mein Erlebnis und dessen Veröffentlichung hatte einen großen Einfluss.

Etwas, das einen großen Unterschied macht oder herausragend scheint, ist Ihr sehr offenes Bekenntnis der Gefühle, die Sie nach der Begegnung mit Jesus erlebt haben. Sie erwähnen, dass Sie liebeskrank wurden. Wie geht es Ihnen heute, haben Sie sich erholt?

Mir ist schon klar, dass meine ehrliche Art außergewöhnlich ist. Ich habe nicht darüber nachgedacht als ich das Buch schrieb. Ich bin Journalistin, ich kann mir nicht Dinge ausdenken, sondern kann nur schreiben was passiert ist und das habe ich getan. Was mit meinem Körper und meinen Emotionen geschah, war schwierig zu verarbeiten, aber mir war bewusst, dass ich nicht etwas schreiben könnte, ohne dass es mir widerfahren ist. Ich konnte nicht unehrlich sein. Mir haben so viele Menschen geschrieben, dass sie es nicht wagten, auszudrücken was sie erlebt haben. Ich wollte ehrlich sein, denn dies gebietet die journalistische Ethik. Ich wollte etwas schreiben, das überprüfbar sein sollte, mit Ausnahme der Treffen mit Jesus natürlich. Dies ist sehr wichtig, um eine ernsthafte Unterhaltung zu führen. Ich hatte eine Menge Gefühle aber auch negative Reaktionen. Die Liebeskrankheit ist eine physische und eine emotionale Reaktion. Es ist schwer zu erklären, es fühlt sich an wie geliebt zu werden, gleichzeitig ist es tausendmal stärker. Dies war in keiner Weise vergleichbar mit einer gewöhnlichen Liebesgeschichte. Es war für mich der einzige Weg, diese unglaublich starken Gefühle sprachlich wiederzugeben. Wenn jemand sehr glücklich aussieht, dann meint das Umfeld ‚oh, du siehst so verliebt aus‘. Es ist der stärkste Ausdruck der Liebe, den wir kennen.

Ich habe das in meinem Buch versucht zu beschreiben, also wie meine Sehnsucht beschaffen war. Es war mehr als ein Gefühl, geliebt zu werden. Das ist eine wichtige Ergänzung. Auch haben wir keine Worte, um diese Gefühle zu erklären. Ich versuchte dies, indem ich beschrieb, was mit meinem Körper passierte. Und das war wirklich schwierig. Ich liebe meinen Ehemann und werde ihn immer lieben. Aber in was war ich hier verliebt? Warum verlor ich deswegen so viel an Gewicht? Ich fühlte mich angespannt, gleichzeitig so lebendig und beschwingt. Nach dem zweiten Treffen mit Jesus beruhigte ich mich. Ich fühlte mich mehr und mehr normal und ausgeglichen und nahm nicht weiter ab. Kurz bevor mein erstes Buch herauskam, starb mein Sohn, worauf mein Körper ja dann auch reagiert hat.

Ich schreibe über den Kundalini Prozess oder das Kundalini Erwachen, das einem festgelegten Muster folgt und wo ich mein Erlebnis beschrieben sehe. Zu der Zeit brauchte ich Hilfe. Ich hatte nie von starken, physischen Reaktionen auf spirituelle Begegnungen gehört, aber ich forschte viel über meine körperlichen Reaktionen und fand schließlich eine Menge darüber in der Kundalini-Erweckung. Ich durchsuchte christliche Schriften, um etwas über körperliche Erfahrungen zu finden, weil es mir passierte nachdem ich Jesus begegnet bin und das Licht von Gott empfangen hatte, aber ich konnte nichts finden. Ich verlor zwanzig Kilo, ich zitterte, meine Haut war empfindlich, ich sah Auren und Licht strahlte aus meinen Fingern. Als ich endlich auf Theresa von Avila stieß, war ich so erleichtert. Es gibt praktisch keine protestantischen Schriften außer meiner, aber ich glaube nicht, dass Protestanten die einzigen Menschen sein können, die keine körperlichen Erfahrungen gemacht haben. Sie kommen in allen Religionen vor und werden oft in der Bibel erwähnt.

Dieses Erleben kann auch ohne bewusste Konzentration erfolgen, fast so wie eine Explosion im Körper. Als ich darüber las, erkannte ich all die Symptome und Reaktionen wieder, die ich erlebt hatte. Meiner Meinung nach beginnen Religionen mit einer geistigen Erfahrung ihrer jeweiligen Gründer. Als mir das passierte, war mir nicht klar was am nächsten Tag geschehen würde. Ich wusste nicht, ob und wann das Erlebnis sich wiederholen würde und ich ohnmächtig werden würde, deswegen fuhr ich kein Auto mehr. Andere Menschen machten auch diese Erfahrung und lebten weiter wie bisher. Die Leute sind manchmal hart zu mir, da sie sich nicht in meine Situation hineinversetzen können. Stellen Sie sich vor, Sie sind in einem sehr angespannten emotionalen Zustand und erkennen, dass es jemanden gibt, der das gleiche Erlebnis hatte. ‚Kundalini‘ beschreibt meine Erfahrung, davon gehe ich aus. Ein Licht, das von oben kam und in meine Stirn eindrang und sich entlang meiner Wirbelsäule fortsetzte, bis es mein Steißbein erreichte und mich verließ als ich ohnmächtig wurde. Diese Energie kam aus dem Himmel, von Gott, das ist der umgekehrte Weg des Kundalini Phänomens (von innen nach außen). So wie ich es verstehe, sah Gott etwas in mir und rief es in mir wach. Verstehen Sie? Wir sind nach dem Ebenbild Gottes geschaffen (Genesis), deswegen kann Gott dies mit uns tun, uns erwecken. Das alles geschah im Dezember 2009, während einer Zeit, als ich auf dem Land lebte.

Welche Bedeutung haben die an Sie gerichteten Worte von Jesus: „Ich verlasse mich auf dich!“?


Er beantwortete meine Frage, was ich denn nun tun solle nicht, sondern appellierte an meine eigene Verantwortung. Das ist so evangelisch, wir haben Kopf, Arme, Beine und er möchte, dass wir handeln, aber es ist unsere Verantwortung. Er bringt uns zum Nachdenken. Er wird uns nicht befehlen, keinen Stein zu werfen (Johannes 8:7).
In meinem Fall musste ich zunächst darüber nachsinnen, wer ich bin und was ich tun kann. Das Einzige was ich kann, ist Journalismus. Darum habe ich ein Buch geschrieben. Zunächst gab es aber niemanden, der es drucken wollte. Alle großen Verlagshäuser lehnten ab. Am Ende war es ein kleiner (politisch) linker Verlag aus meiner elitären geistigen Umgebung, in der ich aufgewachsen bin, der es veröffentlichte und es wurde ein Bestseller. Danach standen die großen Verlagshäuser Schlange mit der Hoffnung, mein nächstes Buch zu drucken.
Theologisch ist diese Frage sehr wichtig. Es reicht nicht, die Bibel von vorne bis hinten zu kennen, sondern zu verstehen, wer man selbst ist. Es braucht Ernsthaftigkeit und Mut, anzuerkennen dass Jesus existiert, sich nicht dafür zu schämen oder es zu verheimlichen. Es gibt immer noch so viele Menschen, die es peinlich finden, über den Glauben zu reden. Es ist wahrscheinlich in Deutschland ähnlich, aber diese Einstellung ist in den nordischen Ländern sehr weit verbreitet. Es scheint so, als ob es Menschen leichter fällt, sich zum Buddhismus oder den nordischen Gottheiten zu bekennen. Wenn man eine Religion wählt, die sehr anders ist als die eigene Kultur, dann ist es so, als würde man eine fremde neue Welt betreten. Man kann dann seine Religion zu etwas machen, das nichts mit dem Alltag zu tun hat. Etwa so wie Kirchgänger, die nur im Gottesdienst religiös sind, aber nicht im Alltag. Man mag den Buddhismus wählen, weil man sich ein ruhiges Leben wünscht. Als Christ bekommt man dies nicht geboten. Man erhält kein leichteres Leben dadurch, dass man Christ wird. Es ist schwieriger als keinen Glauben zu haben.


Wenn Sie ihr Leben vor und nach Ihrer Erfahrung miteinander vergleichen, wie ist das für Sie?

Ich kann das nicht tun, weil mein Sohn starb als das erste Buch veröffentlicht wurde. Wenn Sie fragen, wie mein Leben ab der Erscheinung bis zur Veröffentlichung des Buches war, dann würde ich sagen, mein Leben spielte sich zwischen großem Glücksgefühl und Spannungen ab. Ich kann nicht sagen, dass mein Leben früher in einer Skala bei fünf war und jetzt bei zehn, denn so ist es nicht. Nachdem mein Sohn starb, war mein Gefühlsleben starken Schwankungen unterworfen. Auf der einen Seite das Erlebnis mit Jesus, auf der andern die Trauer um meinen Sohn. Vorher führte ich ein anonymes und jetzt ein sehr öffentliches Leben. Es gab so viele Veränderungen und ich glaube, es ist nicht entscheidend, welches Leben besser war, da es irrelevant ist ob ich glücklich bin oder nicht, denn ich kann meinen Sohn nicht zurückbekommen. Natürlich kann ich niemals vollkommen glücklich sein, ich werde immer weinen. Heute weiß ich allerdings mehr über das Leben.

Was sagen Sie zu Menschen, die auch ihr Kind verloren haben und Gott dafür anklagen, dass Er es zugelassen hat?

Wenn Leute so reagieren, verstehe ich nicht wirklich, dass sie an Gott glauben. Warum sollte Gott so etwas tun? Er hat uns alle erschaffen und kümmert sich um uns. Wir töten uns selbst oder töten andere. Ich denke, es ist eine unchristliche Art, Gott dafür verantwortlich zu machen. Gott ist immer da, aber in diesem Bewusstsein zu leben, ist eine Wahl, die wir zu treffen haben. Man muss auch lernen, mit offenen Fragen zu leben. In dem Moment, in dem man meint, die Antworten zu kennen, wird man zu Gott, aber wir sind nicht Gott, wir sind seine Kinder. Leute sagten zu mir ich hätte so großes Glück, dass mein Sohn gestorben ist, erst nachdem ich Jesus getroffen habe. Ich erwiderte ihnen dann ‚Weißt du was du da sagst? Das würde bedeuten, er starb meinetwegen‘. Menschen sind verzweifelt und versuchen, eine sinnvolle Erklärung zu finden.

Welchen Rat würden Sie einem ‚durchschnittlichen‘ Menschen geben, der solche Erfahrungen nie gemacht hat, aber dessen Interesse durch das Lesen Ihres Buches geweckt wird?

Ich würde ihm raten, innerhalb der Familie und mit Freunden darüber zu sprechen. Es gibt Leute, die mir sagen, dass sie in ihrer Familie nicht über den Glauben reden können. Ich meine, wenn das nicht möglich sein soll, dann frage ich mich in was für einer Art Beziehung man da lebt und ob man diese dann nicht auch überdenken sollte.
Es ist auch sehr wichtig, mit einem Priester zu sprechen, auch wenn man kein Christ ist. Es ist notwendig, diese Erfahrungen nicht als das eigene private Glück zu begreifen, sondern als etwas, das Teil der Menschheit ist und schon immer war. Priester wissen das und können ihre Erfahrungen in einen Kontext stellen und darauf aufmerksam machen, nicht nur in Erinnerungen zu schwelgen, sondern Gutes daraus zu gewinnen und es zu vermehren.

Vielen Dank für das interessante Gespräch!


Stille Helden von Heute

Die Beispiele wie aus persönlichen Schicksalsschlägen Impulse für Projekte einer besseren Welt werden sind vielfältig aber nicht immer so bekannt wie das Beispiel von Astrid Lindgren. Während einer Pressereise zu der Gustaf Gustafsson der damalige Leiter der Tourismusentwicklung der Westfjorde eingeladen hatte wurde ich aufmerksam auf Vilborg Arnardóttir. Es war nicht die Tatsache, dass sie jahrelang ihre Freizeit opferte um einen Spielplatz für Kinder in Sudavik zu errichten, der auf einem Gelände entstand auf dem 1995 vierzehn Menschen durch eine Schneelawine ihr Leben verloren, oder dass sie drei Tonnen Gebäck (Kleinur) backte und durch deren Verkauf das Projekt finanzierte, es war etwas weitaus tiefer liegendes was mich zutiefst bewegte. Zugegeben ihr Einsatz war schon außergewöhnlich. Einen Tag nach dem ersten Kennenlernen erfuhr ich den Hintergrund und die Motivation für ihr Handeln: Bereits mit 24 Jahren verlor sie ihren Mann durch eine Schneelawine und ihren siebzehn jährigen Sohn, Jahre später, durch einen Autounfall. Situationen in denen viele wohl verzweifelt und bitter geworden wären, beschloss sie etwas Positives für die Menschen zu tun. „Angesichts der Tatsache, dass Leute ihre gesamte Familie verloren haben, kann ich nicht klagen wenn es anderen schlechter geht als mir“ sagte mir Vilborg. Ich bin der Meinung, dass Menschen mit dieser Einstellung und Lebensweise zu den wahren Stars unserer Gesellschaft gehören. Tief beeindruckt von der menschlichen Größe Vilborgs am nordwestlichen Ende Europas, danke ich einen solchen Menschen getroffen zu haben.

“Wahre Liebe oder Ware Liebe?”

Von der traurigen Wahrheit hinter der Prostitution und dem nordischen Modell.

Gelegentlich verbinden noch so manche Lust und Möglichkeiten des freien Sexes mit Skandinavien. Lang ist es her so resümieren wir. Vor beinahe zwei Jahrzehnten warb eine isländische Fluggesellschaft mit „one night stands“ für Zwischenaufenthalte in Island um den „Felsen“ im Nordatlantik wie er in den Augen so mancher Einheimischer erschien, attraktiv für den Tourismus zu machen. Vergleichen lässt sich das mit einer jungen Dame, die ihres Wertes nicht bewusst beginnt sich zu prostituieren. Die Zeiten in denen Blondinnen auf den Umschlägen von Videos und CDs einschlägiger Videoläden die Lust auf den Norden weckten sind seit langem Geschichte.
Inzwischen ist viel geschehen und es ist just der Norden der die Menschenrechte der Frauen in die Hände genommen hat und Vorreiter bei der Beseitigung eines ganz großen Unrechts geworden ist. Eine ganze Reihe von Ländern hat das sogenannte nordische Modell übernommen das auf vier Säulen basiert:

1.) Der Kriminalisierung von Sex-Käufern
2.) Der Entkriminalisierung sich prostituierender Menschen 3.) Hilfe beim Ausstieg aus der Prostitution
4.) Aufklärung

Deutschland ist quasi umzingelt von Ländern die dieses Modell anwenden, während hierzulande die Prostitution liberalisiert und legalisiert wurde. Mit dem Hintergedanken Frauen zu helfen sahen sich die Gesetzesgeber 2001 veranlasst vom „Schutz vor der Prostitution“ zum „Schutz in der Prostitution“ neue Rahmenbedingungen zu schaffen und die Gesetzeslage einschneidend veränderten und Deutschland so zu einem Eldorado von Geschäften mit Sex zu machen. Unverantwortlich muss man das Wegsehen bei zum Teil dramatischen Menschenrechtsverletzungen kritisieren die sich in Folge der neuen Lage vor unseren Haustüren abspielten und bis heute fortsetzen. Keiner der politischen Parteien sah sich veranlasst sich mit den Konsequenzen dieser in Europa einmaligen Situation kritisch auseinanderzusetzen und zu prüfen ob Absicht und Erfolg des neuen Gesetzes dem Wohl der Frauen dienten. Nach Aussage der Traumatherapistin Ingeborg Kraus sind sich Gesetzeshüter vor Ort einig, dass 96-98% der Prostituierten fremdbestimmt werden, von Freiheit kann hier keine Rede sein, im Gegenteil. Frau Kraus geht hier noch weiter und behauptet, dass Prostituierte welche „freiwillig“ ihren Körper verkaufen oft Gewalt in der Familie erfahren haben und quasi vorgeprägt Erniedrigungen ertragen. Frauen werden für eine Penetration bezahlt unter deren Folgen sie oftmals Jahre zu leiden haben, während gleichzeitig Männer nach Lust und Freude ihrem Vergnügen frönen, die Kehrseite des Gesetzes welches Sexkäufern einen Freibrief verleiht. Dies ist unvereinbar mit der Gleichstellung von Mann und Frau. 70% der Frauen, laut Frau Kraus, leiden an post traumatischen Störungen als Folgen der Prostitution die sie nicht selten ein Leben lang verfolgen. Die Zahl derer die unter den Folgen leiden sei aber noch wesentlich höher, fügt sie hinzu. Eigentlich kaum vorstellbar, dass in einem Land im Herzen Europas fundamentale Menschenrechte von Gesetzes wegen zugunsten einer zügellosen Lust und Macho Kultur außer Kraft gesetzt werden. Liebe und Sex als Ganzheit zu begreifen, dass ganz entscheidend zum Wohlbefinden des Einzelnen und einer gesunden Gesellschaft beiträgt bedarf keiner Expertenmeinung sondern sollte Teil eines gesunden Menschenverstandes sein, dass ist jedenfalls die Meinung unseres Redaktionsteams.

Finnland und Deutschland, mehr als nur Partner in der EU

Das Deutsche Reich spielte sowohl im 1. und auch im 2. Weltkrieg eine Rolle im Unabhängigkeitskampf Finnlands. Der Nordlandführer berichtete bereits 2020 über den 2. Weltkrieg und die Rolle beider Länder darin. Diesmal befragten wir den Geschichtsforscher der Universität Helsinki, Dr. Oula Silvennoinen, über die deutsch-finnische Kooperation während des 1. Weltkrieges.

Finnland war Teil des schwedischen Königreichs, bevor es Teil des Russischen Zarenreiches wurde. Warum wurde Finnland zu einer Kolonie Russlands? Wie kam es dazu und auf welche Weise herrschte der Zar über Finnland?

Finnland war nie eine Kolonie im modernen Sinne des Wortes, sondern seit dem Mittelalter einfach der angestammte östliche Teil des Königreichs Schweden. Die schwedischen Könige festigten ihre Herrschaft über Finnland in der Zeit vom 13. bis 15. Jahrhundert durch den Bau von Burgen. Finnland wurde manchmal als Großherzogtum bezeichnet – dennoch war es ein integraler Bestandteil des Reiches, wenn auch etwas ärmer und rückständiger. Nachdem die Russen Finnland zwischen 1808 und 1809 im Rahmen des Abkommens von Zar Alexander mit Napoleon erobert hatten, regierte der russische Zar das Land als Großherzog und setzte somit die schwedische Art der Herrschaft fort.
Finnland war während des Ersten Weltkriegs von der Teilnahme am Krieg ausgenommen. Im Allgemeinen hat sich die wirtschaftliche Lage Finnlands unter dem russischen Regime verbessert. Welche Motive trieben die Unabhängigkeitsbewegung voran?

Die wichtigste Motivation hinter der Unabhängigkeitsbewegung war das Aufkommen des finnischen Nationalismus im 19. Jahrhundert. Dennoch blieb das Land bis in die letzten Jahre des 19. Jahrhunderts ein bemerkenswert loyales Grenzland des Russischen Reiches, bis eine Politik der Russifizierung eingeführt wurde mit der Absicht, das Reich kulturell homogener zu gestalten. Dies führte zu heftigem Widerstand aller finnischen Volksgruppen und gab der Idee der Unabhängigkeit immer mehr Rückhalt. Dennoch war die Wirtschaft weiterhin stark an die Märkte in Russland gebunden. Der ausschlaggebende Faktor war der Zusammenbruch des Zarenreiches und die bolschewistische Revolution, welche die letzten Zweifler von der Notwendigkeit eines Bruchs mit Russland überzeugte.

Einige Finnen traten dem deutschen Militär, den finnischen Jägern, bei und bildeten das Rückgrat der Entstehung der finnischen Armee. Damit kämpften sie gegen Russland. Wie lässt sich das erklären?

Als die Unabhängigkeitsaktivisten bereits seit rund fünfzehn Jahren Widerstand gegen Russland geleistet hatten, entstand 1914 die Jäger-Bewegung. Für sie war die Idee, unter Anwendung von Gewalt unabhängig zu werden, nichts Neues mehr. Da die Mitstreiter der Jäger-Bewegung verstanden hatten, dass Russland sie als Verräter betrachtete, war dies für sie mit der wichtigeren Sache eines unabhängigen Finnlands gerechtfertigt. Außerdem hatte sich die Propaganda der Unabhängigkeitsbewegung angewöhnt, die Russen als Erzfeinde Finnlands, seiner Sprache, Kultur und Bevölkerung zu bezeichnen. Sie betrachteten den bewaffneten Kampf gegen Russland als einen Befreiungskampf.

Hat Lenin die Unabhängigkeit Finnlands akzeptiert?

Der von Lenin geführte Sowjet der Volkskommissare nahm im Dezember 1917 Finnlands Unabhängigkeitsantrag an. Dafür gab es gute Gründe: In der damaligen bolschewistischen Propaganda wurde viel Wert gelegt auf das Recht der Nationalitäten im Reich, über ihr eigenes Los zu entscheiden. Die Weltrevolution schien wie vorhergesagt zu verlaufen und Finnland würde ohnehin bald zur Einheit mit Russland zurückkehren, wenn das finnische Proletariat in der Revolution aufstehen würde. Letztendlich konnte Lenin zu diesem Zeitpunkt wenig tun, um die Unabhängigkeit Finnlands zu verhindern. Die Bolschewiken hatten gerade die Macht übernommen und befanden sich noch in einer instabilen Lage, umgeben von Feinden. Sie brauchten keinen zusätzlichen Feind mehr.

Wie kann die extreme Radikalisierung, die in einem Blutbad endete, in einer so kleinen Nation nach dem Ende des Ersten Weltkriegs verstanden werden?

Der radikalisierte Flügel der finnischen sozialistischen Bewegung übernahm Ende 1917/Anfang 1918 die Macht in der Partei und startete einen Revolutionsversuch, unterstützt von den bewaffneten Rotgardisten, die sie seit Monaten aufgebaut hatten. Sie wurden auch von der bolschewistischen Regierung ermutigt und materiell unterstützt, obwohl Lenin nicht wirklich die Kraft hatte, entscheidend in Finnland einzugreifen. Parallel dazu hatten auch die Nicht-Sozialisten in Finnland ihre Bewaffnung ausgebaut und der Bürgerkrieg von 1918 wurde zu einem Zusammenstoß der roten und weißen Paramilitärs, wobei die Weißen bald die Oberhand gewannen. Bürgerkriege sind immer blutig, weil die andere Seite nicht nur als Feind, sondern auch als Verräter angesehen wird. Der weiße Terror der Kriegs- und Nachkriegszeit und die grausame Behandlung der Verlierer wurden damals mit der Notwendigkeit begründet, einen erneuten Aufstand durch harte Maßnahmen zu verhindern.

War das Eingreifen deutscher Truppen entscheidend im finnischen Bürgerkrieg?

Das Deutsche Reich schickte im April 1918 eine Infanteriedivision unter der Führung von Rüdiger von der Goltz nach Finnland. Damit war das Schicksal der Roten Regierung besiegelt, obwohl ihre militärische Niederlage ohnehin unvermeidlich gewesen wäre. Der finnische Oberbefehlshaber Mannerheim drang vor dem Eintreffen der Deutschen verzweifelt auf eine Entscheidungsschlacht, damit es nicht aussah, als hätten die Finnen ohne diese nicht gewinnen können. Dies gelang ihm tatsächlich kurz vor der Ankunft der Infanteriedivision des von der Goltz Anfang April. Tampere, die wichtigste Stadt unter der Kontrolle der Roten, fiel in die Hände der Weißen.
Wie sahen die Finnen den Wandel vom russischen Zaren zum deutschen Prinz Friedrich Karl von Hessen als Regenten?

Das finnische Volk hatte wenig Zeit, sich an seinen König Friedrich Karl zu gewöhnen, der im Sommer 1918 vom Parlament gewählt wurde. Friedrich Karl hatte Finnland noch nicht besucht, als er mit dem Fall des Deutschen Kaiserreiches im Herbst abdanken musste. Es war also keine Zeit, die Bevölkerung dazu zu befragen, aber viele Finnen waren damals wahrscheinlich der Meinung, dass das Land einen Monarchen brauchte. Schon immer hatte es einen König oder einen Großherzog gegeben, der Finnland nominell regierte.

Sind heute die Wunden verheilt? Gibt es deswegen noch eine Spaltung im Land?

Finnland konnte 1939 bemerkenswert vereint in den nächsten Krieg gegen die Sowjetunion eintreten, obwohl die Finnen etwa zwanzig Jahre zuvor in einem Bürgerkrieg gegeneinander gekämpft hatten. Ein Großteil des Verdienstes gebührt der finnischen Republik der Zwischenkriegszeit und ihrer Politik, gerechtere Vereinbarungen für die Arbeiter und die arme Landbevölkerung zu garantieren, sowie mit den Bemühungen, die Grundlagen für ein modernes Sozialsystem und Schulen für die Allgemeinheit aufzubauen. Die Erfahrung des Zweiten Weltkriegs, eines gemeinsam geführten Krieges, festigte dann das Gefühl einer Versöhnung zwischen den Rechten und den Linken. Obwohl der Bürgerkrieg immer noch oft erwähnt wird, insbesondere in der spaltenden politischen Rhetorik der extremen Rechten, kann man sagen, die vorherrschenden Bestrebungen in der finnischen Nachkriegsgesellschaft war eine Historie der Versöhnung.

Heute, nach der Erfahrung der Kolonial-herrschaft, einem blutigen Bürgerkrieg, und dem 2. Weltkrieg, wie hat dies die finnische Seele und die Sicht der Finnen auf Europa und die Welt verändert?

Finnen sind von Natur aus gerne unabhängig. Dies hat zwar seine positiven Seiten, führt aber auch dazu, dass einige ihr Land als vom Rest der Welt getrennt betrachten, vielleicht als sicheren Hafen, aber auch als Land, das versuchen sollte, sich von der globalen Politik und den Sorgen anderer fernzuhalten. Wir können diese Tendenz als finnischen Isolationismus bezeichnen, das ist besonders im ländlichen, konservativeren Teil der Bevölkerung ausgeprägt. Finnland ist während seiner Unabhängigkeit außerhalb der westlichen Sicherheitsarchitektur geblieben: in der Zwischenkriegszeit, weil es wirklich keine glaubwürdigen Verbündeten gegen die wachsende Bedrohung durch die Sowjetunion finden konnte, und in der Nachkriegszeit, weil die Sowjetunion Finnland nicht erlaubt hätte, der NATO beizutreten. Dies hat dazu geführt, dass viele Menschen im modernen Finnland denken, eine unabhängige Verteidigung und eine Neutralitätspolitik waren eigentlich immer im besten Interesse des Landes.

(Derzeit befürworten 26 Prozent der Finnen eine NATO-Mitgliedschaft und 40 Prozent sind gegen einen Beitritt zum Militärbündnis. Anm. der Redaktion)

Die Neutralität Finnlands war von je her eine Folge seiner geografischen Randlage und dem Mangel an Sicherheitspartnern.

Vielen Dank für das interessante gespräch!

„Falschpropaganda und Spekulationen”

Dr. Oula Silvennoinen ist Forscher an der Universität Helsinki und Experte im Bereich der Beziehungen Deutschlands mit Finnland während der Diktatur des Nationalsozialismus. Der Nordlandführer befragte ihn zu Aspekten einer komplizierten Beziehung.

Kann man sagen, dass Finnland ohne Hitler Deutschland ein Teil der Sowjetunion geworden wäre?

Nein, dem würde ich nicht zustimmen. Deutschland unterstützte Finnland in einigen Bereichen, aber es würde zu weit gehen, dass dies entscheidend für die finnische Unabhängigkeit war. Das finnische Problem, wie auch das aller an die Sowjetunion angrenzenden Staaten war, dass es weder von der Weimarer Republik noch von Hitler Deutschland Unterstützung gab. So mußte Finnland alleine gegen die Sowjetunion kämpfen. Finnland schaffte es, sich rechtzeitig von der Wehrmacht zu befreien. Außerdem lag das Hauptinteresse Stalins an der schnellen Einnahme Berlins, anstatt Truppen zur Einnahme Finnlands zu entsenden. Die Sowjetunion gab sich schließlich mit Gebietsabtretungen und der Tatsache, dass sich Finnland vom Krieg an der Seite Deutschlands zurückzog, zufrieden.

Waren die Erfolge der kleinen finnischen Armee im Winterkrieg ausschlaggebend für Hitlers Fehleinschätzung der roten Armee, was letztlich den Untergang der Nazidiktatur besiegelte?

Herman Göring brachte diese falsche Propaganda nach dem Krieg auf. Er behauptete, dass sich Deutschland nach dem Winterkrieg in die Irre führen ließ und die sowjetische Schlagkraft deswegen unterschätzte. Das war reine Spekulation, um zu verbergen, dass die Nazi Führung zu viel riskiert hatte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der finnische Erfolg von solcher Tragweite für den Kriegsverlauf war. Die Nazis hatten sich mit ihrem Unternehmen Barbarossa in fast jeder Hinsicht gründlich verschätzt und dazu mag der Finnland Feldzug einen Beitrag geleistet haben, der aber nicht entscheidend war. Was jeder Generalstab tut bevor er ein anderes Land angreift, ist eine gründliche Analyse des militärischen Potenzials des Gegners. Eine solche Bewertung hätte niemals allein auf dem finnischen Beispiel beruhen können.

Was sind die Gründe für die verhältnismäßig hohen Verluste auf sowjetischer Seite im Finnlandfeldzug?
Die sowjetische Armee war nicht genug dafür ausgerüstet, unter den dort herrschenden klimatischen Herausforderungen erfolgreich zu kämpfen, in schwerem Terrain schnell voranzukommen und den Nachschub zu organisieren. Da war die Truppe doch sehr rudimentär bestückt. Insbesondere im Winterkrieg 1940/41 versuchten die sowjetischen Truppen einen schnellen Sieg zu erringen, indem sie sich mehrmals durch den karelischen Isthmus durchzuschlagen versuchten, ohne ihren Gegner wirklich zu kennen. Es war eine armselige Taktik, die zu hohen Verlusten führte und ein Durchkommen so gut wie unmöglich machte. Das hätte schon eine Lektion aus dem 1. Weltkrieg sein sollen. Wohl hofften die Generäle, Stalin mit guten Berichten zu beeindrucken, was zum Festhalten an dieser selbstmörderischen und einfallslosen Strategie führte.

Schriftliche Verträge, die Finnland an die Nazis binden konnten, gab es nicht. Wie groß war der ideologische Einfluß auf die finnische Bevölkerung?

Das ist schwierig zu beantworten, da es hierzu keine Statistiken gibt. Es kommt darauf an, wen man fragt. Das ist je nach politischer Gesinnung verschieden. Wahr ist, dass das Deutsche Reich nach seinen militärischen Anfangserfolgen ein gefeierter Star in Finnland war, der eine Hoffnung gegen den übermächtigen Feind aus dem Osten sein konnte. Dies verkehrte sich gegen Ende des Krieges mit wachsender Desillusion in das Gegenteil.
Was ich jedoch bemerkenswert finde ist, dass es bis zum Ende der Finnisch-Deutschen Waffenbrüderschaft Leute gab, die Finnland an der Seite Deutschlands sahen, sei es nun Sieg oder Niederlage und die keinen separaten Frieden mit der Sowjetunion wollten.

Wurden Menschen in Finnland in Konzentrationslager verschleppt?

Finnen nein, aber sehr wohl Dutzende Ausländer, die von den finnischen an deutsche Behörden übergeben worden sind. So befanden sich darunter jüdische und polnische Flüchtlinge. Diese wurden teilweise nach Sachsenhausen, Dachau oder Ausschwitz verschleppt. Außerdem übergab die finnische Armee mehr als fünfhundert sowjetische Kriegsgefangene an die deutsche Sicherheitspolizei in Nordfinnland, welche diese wahrscheinlich zum großen Teil exekutierte.

Wie vollzog sich die Wandlung vom Freund zum Feind in der Bevölkerung?

Selbstverständlich gab es durch die jahrelange Waffenbruderschaft enge Bindungen zwischen Soldaten auf beiden Seiten und einen großen Widerwillen, gegeneinander zu kämpfen. Ursprünglich war vereinbart, dass die Deutschen einen geordneten Rückzug antreten und Finnen ebenso geordnet die geräumten Stellungen einnehmen sollten. Trotzdem kam es schließlich doch zu Kämpfen, die dann zu einem Krieg ausarteten, speziell als die Sowjetunion mehr Aktivität auf Seiten der Finnen gegen die sich zurückziehenden Deutschen verlangte. Es war von großem Interesse, der Sowjetunion keinen Grund zu geben, eine militärische Rolle in Finnland zu spielen. Allerdings verursachte die Politik der verbrannten Erde der Nazis, die sich bis in die Finnmark fortsetzte, großes Elend in Lappland und änderte die Sicht auf die Deutschen unter der finnischen Bevölkerung.

Wie sehen die Finnen Deutschland heute in Bezug auf diese Geschichte?

Das ist eine gute Frage und ein weites Feld. Es gibt ein beständiges Interesse an der Finnisch-deutschen Geschichte. Die Historie der deutschsprachigen Welt reicht bis ins Mittelalter zurück. Ich selbst und auch andere schrieben Bücher über die Zeit nach 1918. Es gibt Interesse in der Bevölkerung bei der Interpretation der Beziehungen und ein größeres Bewußtsein über den deutschen Einfluß in Finnland seit dem Mittelalter, sowie eine Anerkennung der deutschen Kultur. Ich habe meinen Sohn gebeten, Deutsch zu lernen (Oula liest und versteht Deutsch). In Bezug auf den 2. Weltkrieg sind die meisten Wunden geheilt, auch wenn die Erinnerung an die Zeit in Lappland bewahrt bleibt. Seit langer Zeit haben sich die Beziehungen zwischen beiden Ländern normalisiert.

Gibt es Freundeskreise, die sich auf historische Bande berufen?

Oh ja, so gibt es hier in Finnland die Finnisch-Deutsche Gesellschaft und in Berlin das Finnland Institut. Auch Leute, die sich für Militärgeschichte interessieren, erkennen die bedeutende Rolle an, die Deutschland gespielt hat.
Es gibt auch Leute aus dem Lager des politischen Rechtsaußen, die meinen, man solle Deutschland danken wegen der 1944 geleisteten Truppenverstärkung im Angesicht der sowjetischen Militär Offensive. Dies ist aber leider ein Versuch, die Nationalsozialistische Ideologie reinzuwaschen, indem man Hitler als Retter Finnlands in der Zeit der Not deklariert.

(Tatsächlich war die militärische Lage für die Deutschen viel verwickelter, denn es befanden sich noch mehr als zweihunderttausend deutsche Soldaten in Lappland, die Gefahr liefen, eingekreist zu werden. Anm. der Redaktion)

Vielen Dank für das Gespräch!

Auf des Messers Schneide

Der finnische Freiheitskampf, ein strategisch taktisches Husarenstück

Als Reisender in den Norden frage ich mich, wie es um die gemeinsame Geschichte meines Landes und den verschiedenen Reisezielen im Norden bestellt ist. Finnland ist ein besonderer Fall. Der Titel für den Artikel hätte auch heißen können: ‚der Feind meines Feindes ist mein Freund‘. Aber genau hier liegt der Hase im Pfeffer, ein wahres Minenfeld politischer Debatten bis heute!
In Wirklichkeit ging Finnland im Verlauf des 2. Weltkrieges Zweckbündnisse ein, um zu überleben, die bei genauerem Betrachten genial waren und Finnland einen Platz unter den freien Nationen nach dem 2. Weltkrieg sicherten. 1939 teilten die Diktatoren Adolf Hitler und Josef Stalin Polen in einem geheimen Zusatzprotokoll unter sich auf. Auf Stalins Menükarte befand sich weiter nördlich allerdings ein unerwartet vergifteter Apfel. Während die neu gezogenen Grenzlinien Polens im Osten bis heute gelten und die baltischen Staaten von der Sowjetunion quasi geschluckt wurden, leistete Finnland hartnäckig Widerstand. Nach dem ersten Überfall am 30. November 1939 und vernichtenden Niederlagen mit 130.000 gefallenen sowjetischen Soldaten, gelang es Stalin schließlich, die zu allem entschlossene kleine finnische Armee zwar zurückzudrängen, jedoch nicht zu besiegen.
Das Deutsche Reich erschien nach den schnellen militärischen Erfolgen in Westeuropa wie der kommende Star der Weltpolitik in den Augen vieler Finnen. Botschafter Blüchow sagte nach dem Inkrafttreten des Hitler-Stalin Paktes den Finnen aber lediglich diplomatische Unterstützung zu, ein Ansinnen, dass in Berlin zunächst auf Ablehnung stieß, ja für das er sogar abgemahnt wurde. Stalin wurde allerdings seitens der obersten Heeresführung (OHL) gedrängt, den Waffengang in Finnland schnell zu beenden, denn eine mögliche Kontrolle der baltischen See durch die britische Flotte war ein Schreckensszenario, das es zu verhindern galt.
Finnland, am Ende seiner Kräfte und ohne Reserven, musste nach dem Frieden von Moskau am 12. März 1940 Gebietsabtretungen und demzufolge Umsiedlungen erdulden, aber die Nation blieb bestehen. Zehn Prozent seines Landes verlor Finnland in diesem ersten Waffengang und zwölf Prozent der Bevölkerung mussten umgesiedelt werden. Finnland hatte 24 923 gefallene Soldaten zu beklagen und weitere 43 537 verwundete Soldaten zu versorgen, eine gewaltige Zahl in einem Land mit gerade mal 3,7 Millionen Einwohnern.
Englands Angebot nur eine Woche vor dem Waffenstillstand mit der Sowjetunion, eine fünfzigtausend Mann starke Kampftruppe stehe bereit und lediglich Norwegen und Schweden müssten dem Durchmarsch zustimmen, wurde von genannten Ländern abgelehnt. Finnland selbst war skeptisch, da es das Angebot als Vorwand sah, Eisenerz aus Skandinavien unter britische Kontrolle zu bringen. Tatsächlich war das Eisenerz aus Norwegen und auch Schweden wichtiger Rohstoff der Kriegsindustrie, so dass die Nazis Norwegen überfielen und im Spätsommer 1940 vor der nördlichen Grenze Finnlands standen. Finnland sah sich dadurch von möglichen westlichen Verbündeten abgeschnitten.
Die Leistung der Finnen im Winterkrieg gegen die Sowjetunion unter Marschall Mannerheim beeindruckte die Oberste Heeresleitung (OHL) und nicht zuletzt Hitler. Auf der anderen Seite war die Neueinschätzung der Schlagkraft der sowjetischen Truppen und daraus folgernd die Unterschätzung seitens der Heeresführung letztlich fatal für die Nazis. Ob sie entscheidend für die Planungen des Feldzuges ‚Barbarossa‘ waren, wird von Experten bestritten. Die Situation in Finnland mag die Wende gebracht haben, es war jedoch, wenn überhaupt, lediglich eine zeitliche Vorverlegung eines Schrittes in Richtung Osten, den Hitler ohnehin plante.
Finnlands erste Schlacht war geschlagen und erlaubte den nächsten Schritt auf dem Drahtseil der Weltpolitik, der letztlich zu Finnlands Überleben beitrug. Für die Nationalsozialisten auf der anderen Seite war es der Beginn der eigenen Vernichtung.
Der amerikanische Oberst Henrik O. Lunde analysiert die 1941 sich anbahnende Annäherung von Finnland und den Nationalsozialisten und prüft sie auf mögliche Vasallenschaft. Aus heutiger Sicht ist Finnlands Schritt mehr als nachvollziehbar. Während die baltischen Staaten von den Sowjets geschluckt wurden und Menschen zu tausenden in die Konzentrationslager Sibiriens verschleppt wurden, von wo aus sie die Wirtschaft für Jahrzehnte am Leben hielten (Alexander Solschenizyn ‚Der Archipel Gulag‘), kämpften die Finnen mit allem was sie hatten, einem solchen Schicksal zu entgehen. Wer kann ihnen das zum Vorwurf machen?
Zu Beginn des Krieges warnten die meisten deutschen Generäle vor einem Zweifrontenkrieg. Die Einschätzung änderte sich nach den schnellen Erfolgen im Westen und der armseligen Vorstellung der Sowjets in Finnland. Die Generäle unternahmen wenig gegen Hitlers Ansinnen, die Sowjetunion anzugreifen.
Geheime Vereinbarungen zwischen Finnland und der OHL führten zunächst zu Verbesserungen der Infrastruktur und schließlich der Öffnung eines Korridors für deutsche Truppen in Lappland. Den zunehmend misstrauischen Sowjets wurde die Truppenverlegung als eine Verteidigung gegen mögliche britische Angriffe verkauft, was insbesondere Außenminister Molotow schwer zu vermitteln war. Es wurde auf Zeit gespielt um das ‚Unternehmen Barbarossa‘, dem Überfall auf die Sowjetunion, bestmögliche Erfolgsaussichten zu gewähren. Den Nazis drängte es vor allem, die Erzvorkommen zu sichern und Murmansk ins Visier zu nehmen. Das bedeutete, die deutschen Truppen konzentrierten sich im Wesentlichen auf Lappland.
Finnland auf der anderen Seite drängte es danach, die verlorenen Gebiete zurückzugewinnen und im Rausch des Siegeszuges soll auch vor der Einnahme fremden Territoriums nicht zurückgeschreckt worden sein. Die Teilnahme am Feldzug gegen Leningrad (heute St. Petersburg) wurde von finnischer Seite jedoch verweigert.
Achtung vor dem Feind und deren Leistung gilt um so mehr unter Verbündeten. So gesehen ist es auch nicht verwerflich, wenn sich Waffenbrüder gegenseitig anerkennen. Generaloberst Dietl wurde mit der höchsten finnischen Kriegsauszeichnung bedacht. Hitler ehrte den finnischen Oberbefehlshaber von Mannerheim am 4. Juni 1942 zum 75. Geburtstag mit einem persönlichen Besuch in Finnland, was dieser noch im selben Monat mit einem Gegenbesuch beantwortete.
Andererseits wurde die Ideologie der Nationalsozialistischen Diktatur abgelehnt und das wurde auch akzeptiert. So kam es, dass jüdisch-finnische Soldaten Seite an Seite mit den Deutschen kämpften. Am bemerkenswertesten jedoch ist, dass Finnland keinerlei Abkommen mit Hitler schloss. Die gemeinsame Koordination gründete sich allein auf Waffenbruderschaft.
Mit den Rückschlägen an der Ostfront und der Invasion in der Normandie änderte sich die Lage und Finnland musste erneut um seine Unabhängigkeit bangen. Nun kam es zu Geheimverhandlungen mit den Sowjets über einen möglichen Frieden.
Oberbefehlshaber Mannerheim, der zwischenzeitlich zum Präsidenten Finnlands aufgestiegen war, schrieb Hitler einen Brief in welchem er sich von ihm und der gemeinsamen Zeit verabschiedete. Am Ende war es für Finnland von vitalem Interesse, dass es keine militärischen Einheiten unter deutscher Führung gab, bevor die Sowjets Pläne zur Übernahme Finnlands schmieden konnten. So kam es gegen Ende des Krieges noch zu bewaffneten Auseinandersetzungen mit den einstigen Verbündeten, bis diese schließlich aus Finnland vertrieben waren.
General O. Lunde beschäftigt sich ausgiebig mit dem Schicksal der deutschen 20. Gebirgsarmee deren 250 000 Mann starke Truppe einen Rückzug über zweitausend Kilometer nach Norwegen unternahm und unbesiegt in Norwegen nach Kriegsende die Waffen an die Alliierten übergab.
Am Ende war die finnische Unabhängigkeit unter Auflagen gesichert und Finnland ‚überwinterte‘ als freies Land bis zur endgültigen Zerschlagung des sowjetischen Imperiums.
Heute ist Finnland ein stolzes Mitglied der freien europäischen Gemeinschaft, wurde aber bis heute nicht Mitglied der NATO, im Gegensatz zu den baltischen Staaten die nach dem Fall der Sowjetunion keinesfalls mehr vom Wohlwollen ihres östlichen Nachbarn abhängig sein möchten.
Heute gibt es viele enge Freundschaftsbande zwischen beiden Ländern und die Deutsch-Finnische Gesellschaft bildet zahlenmäßig den größten nordeuropäischen Verein in Deutschland.