Der finnische Freiheitskampf, ein strategisch taktisches Husarenstück
Als Reisender in den Norden frage ich mich, wie es um die gemeinsame Geschichte meines Landes und den verschiedenen Reisezielen im Norden bestellt ist. Finnland ist ein besonderer Fall. Der Titel für den Artikel hätte auch heißen können: ‚der Feind meines Feindes ist mein Freund‘. Aber genau hier liegt der Hase im Pfeffer, ein wahres Minenfeld politischer Debatten bis heute!
In Wirklichkeit ging Finnland im Verlauf des 2. Weltkrieges Zweckbündnisse ein, um zu überleben, die bei genauerem Betrachten genial waren und Finnland einen Platz unter den freien Nationen nach dem 2. Weltkrieg sicherten. 1939 teilten die Diktatoren Adolf Hitler und Josef Stalin Polen in einem geheimen Zusatzprotokoll unter sich auf. Auf Stalins Menükarte befand sich weiter nördlich allerdings ein unerwartet vergifteter Apfel. Während die neu gezogenen Grenzlinien Polens im Osten bis heute gelten und die baltischen Staaten von der Sowjetunion quasi geschluckt wurden, leistete Finnland hartnäckig Widerstand. Nach dem ersten Überfall am 30. November 1939 und vernichtenden Niederlagen mit 130.000 gefallenen sowjetischen Soldaten, gelang es Stalin schließlich, die zu allem entschlossene kleine finnische Armee zwar zurückzudrängen, jedoch nicht zu besiegen.
Das Deutsche Reich erschien nach den schnellen militärischen Erfolgen in Westeuropa wie der kommende Star der Weltpolitik in den Augen vieler Finnen. Botschafter Blüchow sagte nach dem Inkrafttreten des Hitler-Stalin Paktes den Finnen aber lediglich diplomatische Unterstützung zu, ein Ansinnen, dass in Berlin zunächst auf Ablehnung stieß, ja für das er sogar abgemahnt wurde. Stalin wurde allerdings seitens der obersten Heeresführung (OHL) gedrängt, den Waffengang in Finnland schnell zu beenden, denn eine mögliche Kontrolle der baltischen See durch die britische Flotte war ein Schreckensszenario, das es zu verhindern galt.
Finnland, am Ende seiner Kräfte und ohne Reserven, musste nach dem Frieden von Moskau am 12. März 1940 Gebietsabtretungen und demzufolge Umsiedlungen erdulden, aber die Nation blieb bestehen. Zehn Prozent seines Landes verlor Finnland in diesem ersten Waffengang und zwölf Prozent der Bevölkerung mussten umgesiedelt werden. Finnland hatte 24 923 gefallene Soldaten zu beklagen und weitere 43 537 verwundete Soldaten zu versorgen, eine gewaltige Zahl in einem Land mit gerade mal 3,7 Millionen Einwohnern.
Englands Angebot nur eine Woche vor dem Waffenstillstand mit der Sowjetunion, eine fünfzigtausend Mann starke Kampftruppe stehe bereit und lediglich Norwegen und Schweden müssten dem Durchmarsch zustimmen, wurde von genannten Ländern abgelehnt. Finnland selbst war skeptisch, da es das Angebot als Vorwand sah, Eisenerz aus Skandinavien unter britische Kontrolle zu bringen. Tatsächlich war das Eisenerz aus Norwegen und auch Schweden wichtiger Rohstoff der Kriegsindustrie, so dass die Nazis Norwegen überfielen und im Spätsommer 1940 vor der nördlichen Grenze Finnlands standen. Finnland sah sich dadurch von möglichen westlichen Verbündeten abgeschnitten.
Die Leistung der Finnen im Winterkrieg gegen die Sowjetunion unter Marschall Mannerheim beeindruckte die Oberste Heeresleitung (OHL) und nicht zuletzt Hitler. Auf der anderen Seite war die Neueinschätzung der Schlagkraft der sowjetischen Truppen und daraus folgernd die Unterschätzung seitens der Heeresführung letztlich fatal für die Nazis. Ob sie entscheidend für die Planungen des Feldzuges ‚Barbarossa‘ waren, wird von Experten bestritten. Die Situation in Finnland mag die Wende gebracht haben, es war jedoch, wenn überhaupt, lediglich eine zeitliche Vorverlegung eines Schrittes in Richtung Osten, den Hitler ohnehin plante.
Finnlands erste Schlacht war geschlagen und erlaubte den nächsten Schritt auf dem Drahtseil der Weltpolitik, der letztlich zu Finnlands Überleben beitrug. Für die Nationalsozialisten auf der anderen Seite war es der Beginn der eigenen Vernichtung.
Der amerikanische Oberst Henrik O. Lunde analysiert die 1941 sich anbahnende Annäherung von Finnland und den Nationalsozialisten und prüft sie auf mögliche Vasallenschaft. Aus heutiger Sicht ist Finnlands Schritt mehr als nachvollziehbar. Während die baltischen Staaten von den Sowjets geschluckt wurden und Menschen zu tausenden in die Konzentrationslager Sibiriens verschleppt wurden, von wo aus sie die Wirtschaft für Jahrzehnte am Leben hielten (Alexander Solschenizyn ‚Der Archipel Gulag‘), kämpften die Finnen mit allem was sie hatten, einem solchen Schicksal zu entgehen. Wer kann ihnen das zum Vorwurf machen?
Zu Beginn des Krieges warnten die meisten deutschen Generäle vor einem Zweifrontenkrieg. Die Einschätzung änderte sich nach den schnellen Erfolgen im Westen und der armseligen Vorstellung der Sowjets in Finnland. Die Generäle unternahmen wenig gegen Hitlers Ansinnen, die Sowjetunion anzugreifen.
Geheime Vereinbarungen zwischen Finnland und der OHL führten zunächst zu Verbesserungen der Infrastruktur und schließlich der Öffnung eines Korridors für deutsche Truppen in Lappland. Den zunehmend misstrauischen Sowjets wurde die Truppenverlegung als eine Verteidigung gegen mögliche britische Angriffe verkauft, was insbesondere Außenminister Molotow schwer zu vermitteln war. Es wurde auf Zeit gespielt um das ‚Unternehmen Barbarossa‘, dem Überfall auf die Sowjetunion, bestmögliche Erfolgsaussichten zu gewähren. Den Nazis drängte es vor allem, die Erzvorkommen zu sichern und Murmansk ins Visier zu nehmen. Das bedeutete, die deutschen Truppen konzentrierten sich im Wesentlichen auf Lappland.
Finnland auf der anderen Seite drängte es danach, die verlorenen Gebiete zurückzugewinnen und im Rausch des Siegeszuges soll auch vor der Einnahme fremden Territoriums nicht zurückgeschreckt worden sein. Die Teilnahme am Feldzug gegen Leningrad (heute St. Petersburg) wurde von finnischer Seite jedoch verweigert.
Achtung vor dem Feind und deren Leistung gilt um so mehr unter Verbündeten. So gesehen ist es auch nicht verwerflich, wenn sich Waffenbrüder gegenseitig anerkennen. Generaloberst Dietl wurde mit der höchsten finnischen Kriegsauszeichnung bedacht. Hitler ehrte den finnischen Oberbefehlshaber von Mannerheim am 4. Juni 1942 zum 75. Geburtstag mit einem persönlichen Besuch in Finnland, was dieser noch im selben Monat mit einem Gegenbesuch beantwortete.
Andererseits wurde die Ideologie der Nationalsozialistischen Diktatur abgelehnt und das wurde auch akzeptiert. So kam es, dass jüdisch-finnische Soldaten Seite an Seite mit den Deutschen kämpften. Am bemerkenswertesten jedoch ist, dass Finnland keinerlei Abkommen mit Hitler schloss. Die gemeinsame Koordination gründete sich allein auf Waffenbruderschaft.
Mit den Rückschlägen an der Ostfront und der Invasion in der Normandie änderte sich die Lage und Finnland musste erneut um seine Unabhängigkeit bangen. Nun kam es zu Geheimverhandlungen mit den Sowjets über einen möglichen Frieden.
Oberbefehlshaber Mannerheim, der zwischenzeitlich zum Präsidenten Finnlands aufgestiegen war, schrieb Hitler einen Brief in welchem er sich von ihm und der gemeinsamen Zeit verabschiedete. Am Ende war es für Finnland von vitalem Interesse, dass es keine militärischen Einheiten unter deutscher Führung gab, bevor die Sowjets Pläne zur Übernahme Finnlands schmieden konnten. So kam es gegen Ende des Krieges noch zu bewaffneten Auseinandersetzungen mit den einstigen Verbündeten, bis diese schließlich aus Finnland vertrieben waren.
General O. Lunde beschäftigt sich ausgiebig mit dem Schicksal der deutschen 20. Gebirgsarmee deren 250 000 Mann starke Truppe einen Rückzug über zweitausend Kilometer nach Norwegen unternahm und unbesiegt in Norwegen nach Kriegsende die Waffen an die Alliierten übergab.
Am Ende war die finnische Unabhängigkeit unter Auflagen gesichert und Finnland ‚überwinterte‘ als freies Land bis zur endgültigen Zerschlagung des sowjetischen Imperiums.
Heute ist Finnland ein stolzes Mitglied der freien europäischen Gemeinschaft, wurde aber bis heute nicht Mitglied der NATO, im Gegensatz zu den baltischen Staaten die nach dem Fall der Sowjetunion keinesfalls mehr vom Wohlwollen ihres östlichen Nachbarn abhängig sein möchten.
Heute gibt es viele enge Freundschaftsbande zwischen beiden Ländern und die Deutsch-Finnische Gesellschaft bildet zahlenmäßig den größten nordeuropäischen Verein in Deutschland.
