„…und bewahre uns vor dem Zorn der Nordmänner!“

Eine Novelle von Rohan Stefan Nandkisore

Es ist noch früh am Morgen als Bernadette sich zum Ufer des nahen Flusses aufmacht. Die Hitze des vorangegangenen Tages war durch ein heftiges Gewitter beendet worden und die darauf folgende Kühle der Nacht hat bei Sonnenaufgang eine Nebelbank über der Seine entstehen lassen. Bernadette ist die erste, die sich zum Wäsche waschen aufgemacht hat. Ein fröhliches Lied trällernd geht sie an ihre Arbeit, denn es sieht ganz so aus als würde es heute wieder ein schöner Tag werden. Die Stille, die den Fluss umgibt, fällt ihr nicht auf. Kein Vogel, keine Katze ist in der Nähe und weder nah noch fern kräht ein Hahn, ganz so als wäre diese Stille Vorbote dessen, was sich im Nebel auf der Seine, noch unsichtbar für Bernadette, zusammenbraut. Nordmänner oder Wikinger, wie sie später voll Furcht und Grauen genannt wurden, haben vor langer Zeit ihre Heimat verlassen und sich zusammen geschlossen um auf Raubzüge zu gehen. Sie waren nicht freiwillig gegangen, sondern gezwungenermaßen. Das Land ihrer Familien in ihrer Heimat konnte sie nicht ernähren, das Erbe war aufgeteilt worden und sie waren außen vor geblieben. Als Knechte auf den Höfen ihrer Väter und Brüder wollten sie nicht arbeiten. Zu stolz waren sie als dass sie solch niederen Dienst hätten ertragen können. Die ungeschützten Ufer Britanniens und Irlands gehörten zu den ersten verlockenden Gestaden, wo es reichlich Beute zu holen gab und wo sie die überlegene Technologie ihrer Boote zu ihrem Vorteil nutzen konnten. Dies war aber nur der Anfang, denn schon bald kamen ihnen auch die Dörfer an den Küsten Europas und an deren befahrbaren Flüssen für ihre Beutezüge gelegen. Die Wetterlage ist ein Glücksfall für die Nordmänner. Im Schutze des Nebels gelingt es ihnen, unbemerkt ganz nahe an die Ortschaft in einem Tal der Seine heranzukommen. Sie sind weit ins Landesinnere vorgedrungen und Paris ist nicht mehr fern. Insgesamt sind es dreißig Langboote mit ebenso vielen mit Schwertern und Beilen bewaffneten Wikingern an Bord eines jeden Bootes. Diese Boote sind Meisterwerke ihrer Zeit, die den Stürmen der Nordsee und des Nordatlantiks trotzen. Perfekt angepasst an das Element Wasser gleiten sie ihrem Ziel zu, während die Ruder fast lautlos durch das Wasser gleiten. Als Bernadettes Blick zur Nebelbank schweift, ist es schon fast zu spät um zu reagieren. Nur wenige Meter vor ihr taucht plötzlich eine Bugspitze aus dem Nebel auf. Fast wie gelähmt vor Angst starrt sie einen Moment lang auf die Helme der kampfbereiten Meute an Bord. Einige haben sich mit Berserkerpilzen (gemeiner Fliegenpilz) in Stimmung gebracht um das blutige Handwerk leichter von der Hand gehen zu lassen. Ist es die Wäsche in ihren Händen und ihr fröhlicher Gesang bei der fleißigen Arbeit, der ihnen schon geraume Zeit von Weitem in den Ohren klang, dass selbst diese Raubeine Respekt vor ihr haben oder übergehen sie das Mädchen, von dem ja ohnehin nicht viel zu holen ist, ganz einfach? Soviel ist sicher: später, wenn ihr Raubzug erfolgreich beendet sein würde, dann nähmen sie Bernadette gern als Beute mit. Jetzt aber fügt ihr dieser erste Ansturm am Ufer keinen Schaden zu. Sie sind nicht zum ersten Mal hier. Das Grauen, das sie verbreiten, hinterläßt einen nachhaltigen Eindruck, so dass bis ins 19. Jahrhundert hinein in den Kirchen Fürbitten abgehalten wurden, deren Wortlaut den Geistlichen noch heute bekannt ist: „ …und bewahre uns vor dem Zorn der Nordmänner.“ Der Schrecken der Wikinger-Raubzüge endete bereits im 10. Jahrhundert, aber die Erinnerung daran hat sich fast ein Jahrtausend lang in die Herzen der Menschen eingebrannt. Bernadettes erster Schock wandelt sich in große Sorge um ihre Familie, die nur wenige Häuser vom Ufer entfernt wohnt. Sie rennt so schnell sie kann in einem Bogen an der Horde vorbei und erreicht ihre Hütte noch vor den Wikingern. Aber wie soll sie es schaffen, ihre Angehörigen rechtzeitig in Sicherheit zu bringen? Sie schreit durch die Gassen, dass die Nordmänner gekommen sind. Es gelingt ihr, die Leute zu warnen, so dass diese buchstäblich Hals über Kopf ihre Häuser verlassen und um ihr Leben rennen und sich im unwegsamen Hinterland in Sicherheit bringen. Außer ein paar Schrammen und kaum nennenswerten Wunden ist den Angreifern die Überraschung gelungen und sie machen reichlich Beute. Lange halten sie sich jedoch nicht auf und so schnell sie gekommen waren, rudern sie nach weniger als einem halben Tag mit ihren schwer beladenen Booten wieder in Richtung Mündung fort.

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