Wäre der nachfolgende Bericht den Isländer Sagas entnommen, würde er dem Reich der Sagen zugerechnet werden: Eine Mär die sich entweder geltungssuchende Nachfahren der Hauptperson oder phantasievolle Erzählkünstler ausgedacht hätten.
Guðlaugur Friðþórsson, die Person, um die es sich hier dreht, ist heute 59 Jahre alt und lebt auf Heimæy, der größten der Westmännerinseln im Südwesten vor der isländischen Küste, auf der er auch geboren wurde. Guðlaugur verbrachte seine Kindheit in einer kleinen Gemeinde, die sich seit Jahrhunderten auf der einzigen dauerhaft bewohnten Insel Heimæy behauptet hat. Auf heute 13,4 Quadratkilometern (damals war sie noch kleiner) spielte sich das Leben von wenigen Hundert Menschen ab. Die Geschichte der Inseln ist dramatisch und beginnt mit der Erschlagung irischer Sklaven durch Wikinger zur Zeit der Landnahme im 9. Jahrhundert n.Chr. Im 17. Jahrhundert überfielen sogar algerische Korsaren
die Inseln und nahmen zweihundert Geiseln mit sich, aber das ist eine eigene Geschichte. Mit dem Beginn der Fischerei begann das große Sterben auf See. So ist verbürgt, dass durch zwei Stürme jeweils an die fünfzig Seeleute zu Tode kamen.
1963 machten die Westmännerinseln auf sich aufmerksam, als ihre „Schwester“, die Insel Surtsey, aus dem Meer geboren wurde, ein Ereignis, das die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf sich zog. Diese jüngste vulkanische Insel ist bis heute ein Naturreservat und nur mit Genehmigung darf man sie betreten.
Guðlaugur war gerade mal elf Jahre alt, als ein Vulkan 1973 seine Insel in Brand steckte.
Diesmal hatten die Bewohner Glück, alle konnten gerettet werden. Elf Jahre später, im Jahr 1984, hat Guðlaugur ein außergewöhnliches Erlebnis, bei dem er etwas über sich erfährt, dessen er sich bis zu jenem denkwürdigen Ereignis nicht bewusst war und das auch
niemand für möglich gehalten hätte. Was war geschehen?
Nach einer kurzen Nacht begibt sich in den frühen Morgenstunden eine Fischerei Crew, bestehend aus Guðlaugur und seinen besten Freunden, an Bord eines kleinen, rostigen Fischdampfers um ihrem Tagewerk nachzugehen. Es ist Winter und die eiskalte Dunkelheit
ist noch nicht gewichen. Die Temperaturen bewegen sich um den Gefrierpunkt und das Wasser liegt nur wenige Grade darüber. Der Film Djúpið,“ die Tiefe“ (ein Spielfilm
mit dokumentarischen Anspruch) zeigt, wie sich zum wiederholten Mal das Grundnetz des Bootes um einen Stein am Grund legt, mit fatalen Folgen. Was dem Zuschauer
wie ein tollpatschiger Unfall mit Todesfolge vorkommt, weil nämlich weder der Motor ausgeschaltet wird, noch Seil gegeben wird und somit das Boot in der Dunkelheit
kentert, ist ein Drama, dessen Auswirkungen im Nordatlantik nicht unbekannt sind.
Nachdem sich drei Besatzungsmitglieder, darunter Guðlaugur, an der Unterseite des gekenterten Schiffes festgeklammert hatten und Versuche, das Rettungsboot aus
der rostigen Verklammerung zu lösen, gescheitert waren, geschieht das, was allen widerfährt, die in dieser Kälte länger als fünf Minuten zubringen müssen: Unkoordiniertes Verhalten verursacht durch kaltes Blut im Gehirn, eine schleichende Ohnmacht und Tod durch Ertrinken und/oder Herzversagen. Guðlaugur versucht, seine Freunde durch Zureden zum Durchhalten zu bewegen, aber es hilft nichts, sie sind verloren. Er jedoch stirbt nicht,
er wartet auf den Tod aber der tritt nicht ein. Die Küste der Westmännerinseln ist nur wenige Kilometer entfernt und wäre bei Tageslicht klar sichtbar gewesen, jedoch
schier unerreichbar. So aber, in der Dunkelheit, sieht man nichts und Guðlaugur kann auch keine Lichter sehen, da dieser Teil der Insel unbewohnt ist. Es ist eine Möwe, die
sich neugierig zu dem neuen Meeresbewohner gesellt. Mit ihr spricht er und versucht, sich an ihr zu orientieren. Sechs lange Stunden schwimmt er mit übermenschlicher
Anstrengung durch das zum Glück ruhige Meer. Er wünscht sich, seine Leute an Land nur noch einmal sehen zu dürfen, bevor er sich in sein Schicksal fügen und bereitwillig sterben würde. Das unglaubliche geschieht: Er erreicht die Küste, muss sogar noch einmal zurück ins Wasser, da er an der Steilküste keine Stelle findet, um an Land zu klettern. Schwere Brecher machen ihm zu schaffen, doch schließlich kriecht und klettert er über die Steilküste an Land. Die Lava schlitzt sein Füße auf, brennender Durst quält ihn. Als er eine alte Badewanne sieht, die als Pferdetränke dient, durchschlägt er das dicke Eis und verletzt sich dabei, aber er kann seinen Durst löschen. Er schafft es nach Heimæy und bricht vor dem Eingang eines der ersten Häuser zusammen. Ein Junge entdeckte ihn und ruft seinen Vater um Hilfe, damit der den, wie er meint, Betrunkenen fortjagen solle. So endete eine Geschichte, die eigentlich nicht wahr sein dürfte. Guðlaugur leidet an den Folgen des Erlebten und teilt dem Nordlandführer mit, dass er sich eigentlich gewünscht hätte, das Schicksal seiner besten Freunde teilen zu dürfen. Auch hätte er sich gewünscht, dass der Film erst nach seinem Tod erschienen wäre. Hier teilt er das Schicksal so mancher bekannter Wunderhelden aus dem Reich der Phantasie, die mit ihren übernatürlichen Fähigkeiten einsam dastehen. Aber ist er wirklich der Einzige? Vielleicht gibt es noch mehr solcher unglaublichen Kerle auf Heimæy, die aus Eis und Feuer geboren und von der Natur gesegnet wurden und es wohl niemals erfahren werden, es sei denn, sie werden so wie Guðlaugur durch ein Schicksal dazu gezwungen, wer weiß?
(Bis heute gibt es trotz intensiver Untersuchungen keine natürliche Erklärung für das Überleben von Guðlaugur Friðþórsson.)
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