Von vulkanischer Energie zur Kreislaufwirtschaft

Wie HS Orka auf der Halbinsel Reykjanes Energie- und Ressourcenströme in Kaskadenkreisläufen nutzt

Auf der Halbinsel Reykjanes wird Geothermie nicht als eindimensionaler Prozess betrachtet. Rund um die Kraftwerke Svartsengi und Reykjanes hat sich ein Ressourcenpark entwickelt, in dem Strom, Wärme, Wasser, Gase und Mineralien nacheinander von verschiedenen Unternehmen genutzt werden.

Eine Energiegeschichte, die mit heißem Salzwasser begann

Die Geschichte von HS Orka begann mit einem Problem. Als Island in den 1970er-Jahren zunehmend Erdöl durch Geothermie zur Beheizung von Häusern ersetzte, ließ sich die etablierte Methode nicht einfach auf die Halbinsel Reykjanes übertragen. Anders als in Reykjavík förderten die Bohrungen hier kein unmittelbar nutzbares heißes Süßwasser, sondern salzhaltiges geothermisches Wasser mit einer komplexen chemischen Zusammensetzung. Die Ingenieure mussten daher ein Verfahren entwickeln, mit dem die Wärme aus der tief liegenden geothermischen Flüssigkeit auf Süßwasser übertragen werden konnte, ohne das salzhaltige Wasser in die Häuser der Menschen zu leiten.

Diese technische Lösung führte zur Gründung von Hitaveita Suðurnesja, dem Vorgänger von HS Orka. Die Warmwasserproduktion in Svartsengi begann 1976, gefolgt von der Stromerzeugung im Jahr 1978. Heute betreibt HS Orka zwei Geothermiekraftwerke auf der Halbinsel Reykjanes sowie Wasserkraftwerke in anderen Teilen Islands. Im Jahr 2025 erzeugte das Unternehmen rund 1,46 Terawattstunden Strom. Svartsengi produzierte außerdem rund 14,2 Millionen Kubikmeter Warmwasser für die Gemeinden auf der Halbinsel.

Yngvi Guðmundsson, Executive Vice President of Development and Construction bei HS Orka, beschreibt die Erzeugung von Strom und Wärme als einen integrierten Prozess. Das aus großer Tiefe geförderte Gemisch wird in Wasser und Dampf getrennt. Der Dampf treibt Turbinen an, während zusätzliche Wärme zur Erzeugung von Warmwasser genutzt wird. Separatorwasser und Kondensat werden teilweise wieder in das geothermische System zurückgeführt. Die entscheidende Frage lautet, wie viel zusätzlicher Wert aus jedem einzelnen Material- und Energiestrom gewonnen werden kann.

Die Blaue Lagune als frühes Beispiel

Das bekannteste Ergebnis dieses Ansatzes entstand durch Zufall. In den Anfangsjahren des Kraftwerks wurde geothermisches Wasser auf das poröse Lavafeld abgeleitet. Die im Wasser enthaltene Kieselsäure versiegelte nach und nach die Spalten im Gestein, sodass sich warme, hellblaue Becken bildeten. Menschen begannen darin zu baden. Insbesondere Menschen mit Psoriasis berichteten über eine Linderung ihrer Beschwerden. Medizinische Behandlungen folgten, und schließlich entstand die Blaue Lagune, die 1992 als eines der ersten Unternehmen im Ressourcenpark eröffnet wurde.

Yngvi widerspricht der weit verbreiteten Darstellung, die Lagune sei lediglich ein Abwasserbecken des Kraftwerks. Ihre blaue Farbe entsteht durch den Mineralgehalt des aus der Tiefe stammenden geothermischen Wassers, insbesondere durch Siliziumverbindungen. Während der Stromerzeugung werden dem Wasser keine Chemikalien zugesetzt. Die Lagune ist daher ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie ein zuvor ungenutzter Ressourcenstrom die Grundlage für eine eigenständige Gesundheits- und Tourismusindustrie bilden konnte.

Der Ressourcenpark und die Kaskadennutzung

Aus diesem frühen Beispiel entwickelte sich ein systematisches Konzept. Der Ressourcenpark umfasst zwei Unternehmenscluster bei den Geothermiekraftwerken Svartsengi und Reykjanes. Mehr als zehn Unternehmen nutzen mindestens zwei von HS Orka bereitgestellte Ressourcenströme. Dazu gehören erneuerbarer Strom, thermische Energie, Warmwasser, Süßwasser, geothermische Sole, Dampf, Kohlendioxid sowie Meerwasser, das bei den Kühlprozessen der Turbinen im Kraftwerk Reykjanes erwärmt wird.

Das Leitprinzip ist die Kaskadennutzung. Nachdem ein Material oder eine bestimmte Energiemenge im Kraftwerk einem Zweck gedient hat, erfüllt es eine weitere Funktion, bevor es an die Umwelt abgegeben oder wieder in den Untergrund injiziert wird. Nach Angaben von HS Orka versorgt das Unternehmen seine Partner im Ressourcenpark jährlich mit mehr als 1,9 Terawattstunden thermischer Energie. Im Cluster des Kraftwerks Reykjanes werden 69 Prozent des verwendeten Meerwassers innerhalb einer Kaskade weitergenutzt. Abwärme deckt 84 Prozent des Energieverbrauchs des Clusters, weitere 12 Prozent werden durch geothermisch erzeugten Strom bereitgestellt. Fossile Brennstoffe machen lediglich 2 Prozent aus.

Für Yngvi beruht die Idee auf einem einfachen Prinzip: Was für ein Unternehmen keinen Wert mehr besitzt, kann für ein anderes zum Rohstoff werden. HS Orka stellt deshalb mehr als nur Energie zur Verfügung; das Unternehmen macht seine Infrastruktur auch für Forschung und neue Geschäftsmodelle zugänglich. Nicht jede Idee wird sofort zu einem marktfähigen Produkt. Der Ressourcenpark bietet jedoch einen Ort, an dem neue Anwendungen unter Verwendung realer Ressourcenströme erprobt werden können.

Warmes Meerwasser für die landbasierte Fischzucht

Besonders weit entwickelt ist die Kaskadennutzung in der landbasierten Aquakultur. Das Kraftwerk Reykjanes liegt unmittelbar am Meer. Durch Lava gefiltertes Meerwasser wird aus Brunnen in Küstennähe entnommen und zur Kühlung technischer Anlagen verwendet. Dabei nimmt es Wärme auf. Anstatt anschließend unmittelbar ins Meer abgeleitet zu werden, wird es an Fischzuchtbetriebe weitergeleitet. Durch die Mischung mit kälterem Wasser können die Betreiber für jede Fischart die geeignete Temperatur herstellen.

Stolt Sea Farm nutzt diese Bedingungen zur Zucht der Senegal-Seezunge, die bei Wassertemperaturen von etwa 20 Grad Celsius besonders gut gedeiht. Die kontrollierte landbasierte Umgebung ermöglicht gleichmäßige Wachstumsbedingungen und schützt die Produktion besser vor Verunreinigungen. Auch nordatlantische Arten profitieren davon: Durch eine leichte Erwärmung des kalten Meerwassers kann die Zeit verkürzt werden, die sie benötigen, um ihre Marktgröße zu erreichen.

Ein erheblich größeres Projekt entsteht derzeit am Standort von Samherji in der Nähe des Kraftwerks Reykjanes. Die Bauarbeiten begannen 2024, und laut dem Nachhaltigkeitsbericht von HS Orka soll die Produktion Anfang 2027 aufgenommen werden. In der ersten Phase sollen jährlich rund 10.000 Tonnen Lachs produziert werden. Gleichzeitig untersuchen die Partner, wie Nebenprodukte aus der Fischzucht weiterverwendet werden könnten. Zu den Möglichkeiten gehören Biogas, weitere Fischarten sowie Makroalgen, die Nährstoffe aus dem Ablaufwasser aufnehmen. Genau solche Verbindungen sind es, die benachbarte Unternehmen zu einem Kreislaufsystem werden lassen.

Von Kohlendioxid zu synthetischem Kraftstoff

Die nächste Entwicklungsstufe betrifft E-Fuels. HS Orka arbeitet mit Power-to-Gas-Entwicklern an Projekten, die künftig erneuerbaren Strom und Kohlendioxid aus den Prozessströmen des Kraftwerks Reykjanes nutzen könnten. Bei der Herstellung synthetischer Kraftstoffe würden wiederum Sauerstoff und Wärme entstehen. Beides könnte von anderen Unternehmen im Ressourcenpark genutzt werden, darunter Aquakulturbetriebe und Gewächshäuser.

Diese Projekte befinden sich noch in einer frühen Entwicklungsphase, und auch die regulatorische Behandlung des natürlich vorkommenden geothermischen Kohlendioxids ist noch nicht abschließend geklärt. Dies zeigt, dass eine Kreislaufwirtschaft mehr erfordert als Rohrleitungen, die benachbarte Unternehmen miteinander verbinden. Genehmigungen, die CO₂-Bilanzierung und gemeinsame Leistungsindikatoren müssen zwischen tatsächlichen Emissionsminderungen und einer bloßen Verlagerung von Emissionen unterscheiden.

Nachhaltigkeit braucht messbare Grenzen

Geothermie ist erneuerbar, aber nicht emissionsfrei. In geothermischen Hochtemperaturgebieten gelangen natürlich vorkommende Gase zusammen mit dem Dampf an die Oberfläche. HS Orka meldete für 2025 Treibhausgasemissionen von insgesamt 147.323 Tonnen CO₂-Äquivalent. Davon entfielen 144.585 Tonnen auf die Prozessströme der Kraftwerke Svartsengi und Reykjanes. Die Emissionsintensität stieg von 25 Gramm CO₂-Äquivalent pro Kilowattstunde im Jahr 2023 auf 36 Gramm im Jahr 2025. Nach Angaben des Unternehmens steht der starke Anstieg in Svartsengi in engem Zusammenhang mit der seit Ende 2023 verstärkten seismischen Aktivität und den vulkanischen Veränderungen in diesem Gebiet. Dies unterstreicht die theoretische Annahme, dass CO₂-Emissionen aus unerschlossenen geothermischen Gebieten ebenfalls auf natürliche Weise auftreten, wenn auch über längere Zeiträume hinweg.

HS Orka hat sich zum Ziel gesetzt, seine Emissionsintensität bis 2030 auf 26 Gramm pro Kilowattstunde zu begrenzen und bis 2040 Netto-Null-Emissionen zu erreichen. Das Unternehmen untersucht sowohl die Nutzung von Kohlendioxid als auch dessen Reinjektion. In seinem Bericht weist HS Orka außerdem darauf hin, dass steigende Wärmeverkäufe die ausgewiesene Emissionsintensität reduzieren, weil aus demselben geothermischen System mehr nutzbare Energie gewonnen wird. Diese Berechnung ersetzt jedoch nicht die Notwendigkeit, die absoluten Emissionen zu reduzieren.

Auch die Wasserentnahme hat Grenzen. Als Reaktion auf das Wachstum der Aquakultur bohrte HS Orka im Jahr 2025 drei neue Überwachungsbrunnen, um Veränderungen des unterirdischen Meerwassers kontinuierlich zu beobachten. Förderung, Reinjektion, Druck und Temperatur in den geothermischen Feldern werden häufiger gemessen und mithilfe dreidimensionaler Modelle ausgewertet. Nachhaltige Nutzung bedeutet hier mehr, als den größtmöglichen Wert aus einer Ressource zu gewinnen. Sie erfordert auch die Überwachung ihrer langfristigen Erneuerung und der Auswirkungen auf Grundwasser und Ökosysteme.

Ein Industriepark mit gemeinsamen Standards

Gemeinsam mit der regionalen Entwicklungsagentur der Halbinsel Reykjanes entwickelt HS Orka Kriterien für einen grünen Industriepark. Die Arbeit orientiert sich an der EU-Taxonomie, europäischen Nachhaltigkeitsstandards und den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen. Gemeinsame Leistungsindikatoren sollen zeigen, wie viel Wärme, Wasser und Material tatsächlich mehrfach genutzt wird und welche Umweltauswirkungen daraus entstehen. Sie sollen außerdem verhindern, dass Unternehmen sich allein deshalb als nachhaltig bezeichnen, weil sie innerhalb des Parks angesiedelt sind.

Der Ressourcenpark ist daher weniger ein fertiges Vorzeigeprojekt als vielmehr ein industrielles Lernsystem. Die Blaue Lagune, landbasierte Fischzuchtbetriebe und mögliche E-Fuel-Anlagen stehen für unterschiedliche Entwicklungsstufen derselben Idee. Ein Kraftwerk liefert mehr als nur Strom. Es stellt zahlreiche Ressourcen bereit, deren Wert davon abhängt, wie die einzelnen Unternehmen miteinander verbunden sind.

Auf einer Halbinsel, die von geologischen Kräften geprägt ist und auf der nutzbare Flächen begrenzt sind, eröffnet dies eine überzeugende Perspektive: weniger verschwendete Wärme, weniger nur einmal genutzte Ressourcenströme und eine höhere Wertschöpfung aus derselben Ressourcengewinnung.

Quellen

• Interview mit Yngvi Guðmundsson, Executive Vice President of Development and Construction bei HS Orka; Transkript vom Herausgeber zur Verfügung gestellt.

• HS Orka, Sustainability Report 2025, veröffentlicht im Mai 2026.

• HS Orka, About the Resource Park and Sustainable Development Goals, hsorka.is, abgerufen am 13. September 2026.

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