Es ist ein Bild, das wie gemalt wirkt: Inmitten einer schneebedeckten Lavalandschaft rauchen Becken mit milchig-blauem Wasser, Menschen liegen entspannt darin, während um sie herum der eisige Wind peitscht. Willkommen in Islands Badekultur – einem Ritual, das weit mehr ist als bloße Körperpflege. Es ist gelebte Identität und Tradition der Isländer an einem Ort, an dem alle gleich sind.
Die heißen Quellen, bedeutendes Natur- und Kulturgut
Schon die ersten Siedler, die vor über 1100 Jahren mit ihren Booten an Islands Küsten landeten, erkannten den Schatz, auf dem sie angekommen waren: Geothermische Quellen, die direkt aus der Erde sprudeln. Während sie in ihrer norwegischen Heimat noch mühsam Wasser für ein warmes Bad erhitzen mussten, bot ihnen Island dies in der Natur. Die heißen Quellen wurden rasch zu geschätzten Orten der Reinigung, der Heilung und Geselligkeit.
Besonders faszinierend ist die Geschichte von Snorri Sturluson, dem berühmten Historiker und Dichter des 13. Jahrhunderts. Er war so begeistert von der Badekultur, dass er sich in Reykholt ein eigenes Thermalbecken bauen ließ, das Snorralaug. Damit nicht genug: Er ließ sogar einen Tunnel von seinem Haus direkt zum Becken graben, um ungesehen und geschützt in sein geliebtes Bad zu gelangen. Unglücklicherweise ereilte ihn in diesem Gang auch der Tod, nachdem er einen verhängnisvollen diplomatischen Weg in Norwegen eingeschlagen hatte. Das Becken ist noch heute dort und das Wasser bei meinem letzten Besuch war immerhin lauwarm und aus Respekt bleibt es ungenutzt.
Grettislaug ist ein weiteres historisches Bad, in dem der Saga Held Grettir, nachdem er von der Insel Drangey durch den Skagafjördur geschwommen war, sich dort in einer warmen Quelle erholte. Auch sein Leben nahm ein gewaltsames Ende.
Diese uralte Verbindung zwischen Mensch und heißem Wasser ist bis heute lebendig. Als hätte die Insel aus Feuer und Eis ihren Bewohnern ein Versprechen gegeben: Egal wie kalt und dunkel der Winter wird – die Erde wird euch wärmen.
Mehr als nur ein Schwimmbad: Das Sundlaug als Ort der Begegnung
Wer Islands Seele verstehen will, sollte ein Sundlaug, ein öffentliches Schwimmbad besuchen. Nicht eines der glamourösen Spa-Tempel, die inzwischen weltbekannt sind, sondern das kleine Becken am Rande eines Fischerdorfes. Hier zeigt sich das wahre Island. Über 160 öffentliche Bäder gibt es im ganzen Land, und sie sind weit mehr als Orte der Hygiene oder des Sports.
Das Schwimmbad ist oft das Herzstück der Gemeinde. Im Whirlpool kann man sich unverkrampft in einem Gespräch mit dem Bürgermeister wiederfinden, das von lokaler Politik bis zu den banalsten Themen reicht. Hier, im dampfenden Wasser, verschwinden die Unterschiede. Der Anzugträger und der Bauarbeiter, die Ärztin und die Rentnerin – sie alle sitzen einträchtig nebeneinander, das Thermometer zeigt angenehme 38 Grad, während gleichzeitig vielleicht Schneeregen auf die erhitzten Köpfe fällt.
Diese einzigartige soziale Institution wurde sogar von der UNESCO 2025 als immaterielles Kulturerbe anerkannt – eine Würdigung, die sie in eine Reihe mit der finnischen Sauna stellt.
Die heiligen Regeln: Vom respektvollen Miteinander
Doch wer in diese Welt eintauchen möchte, muss sich auf klare Rituale einlassen. Die Isländer nehmen ihre Baderegeln ernst – sie sind der Schlüssel zu einem hygienischen und harmonischen Miteinander. Die erste und wichtigste Regel: Nackt duschen und abseifen vor dem Baden, bevor man die Badekleidung überstreift – und zwar in Gemeinschaftsduschen, nach Geschlechtern getrennt. In manchen größeren Bädern überwachen sogar Aufsichtspersonen den Duschbereich um sicherzustellen, dass wirklich jeder diese Hygieneregeln beachtet.
Weitere Gebote: Straßenschuhe bleiben vor der Umkleide, Fotos sind in den Kabinen tabu, und nach dem Bad trocknet man sich gründlich ab, bevor man zurück in den Umkleideraum geht.
Zwischen Luxus und Wildnis: Die Badeplätze Islands
Die Bandbreite der Bademöglichkeiten ist atemberaubend. Da sind zunächst die weltberühmten Spas: Die Blaue Lagune bei Grindavík, und Jardbödin am Mückensee (Myvatn), diese locken mit ihrem von Silikat blau schimmerndem Wasser und wohltuenden Mineralien. In den vergangenen Jahren sprossen neue Wellness Bäder wie Pilze nach dem Regen aus der Erde.
Es gibt auch die versteckten Naturbäder. Die Reykjadalur-Thermalquelle nahe Hveragerdi erreicht man nur nach einer dreieinhalb Kilometer langen Wanderung durch eine dampfende Landschaft und erlebt am Ziel eine angenehme Belohnung für die Mühe. Noch abgelegener ist das Krossneslaug in den Westfjorden, der so abgeschieden liegt, dass man nur in den Sommermonaten hinkommt – und manchmal mit Walsichtungen belohnt wird.
Im Schoß von Mutter Natur: Vom Kindesalter bis ins hohe Alter
Die Badekultur beginnt in Island früh. Schwimmen ist Pflichtfach von der ersten bis zur zehnten Klasse. Jedes Kind lernt, sich im Wasser sicher zu fühlen. Viele Isländer haben ihr „Stammbecken“, besuchen es täglich oder wöchentlich, manche haben sogar ihren festen Platz im Whirlpool oder eine Lieblingszahl für den Spind, insbesondere Senioren entkommen hier der Einsamkeit des Alterns und verbringen gerne Zeit mit plaudern in wohliger Umgebung.
Besonders gefällt es mir, mich bei eisigen Temperaturen im Schnee zu wälzen und danach die Wärme des heißen Potts wie Nadelstiche bei der Akupunktur zu genießen. Dieses Gefühl – in dampfend warmem Wasser zu liegen, während die Elemente alles andere als zum Baden einzuladen scheinen, ist vielleicht die reinste Form isländischen Lebensgefühls.
Eintauchen und ankommen
Für Gäste ist das Bad mehr als eine touristische Attraktion. Es ist eine Einladung, Teil der Gemeinschaft zu werden, ob im luxuriösen Spa, im versteckten Naturpool oder im kommunalen Schwimmbad eines 300-Seelen-Dorfes. Wer sich auf die Regeln einlässt und kontaktfreudig ist, dem öffnet sich eine sonst verborgene Welt, in der das heiße Wasser nicht nur den Körper wärmt, sondern auch die Herzen der Menschen einander näherbringt. Entspannt plaudern hier die sonst eher wortkargen Isländer und niemand scheut sich, im heißen Pott Fremde anzusprechen.
Seien sie willkommen in Islands blauen Kathedralen. Ziehen Sie Ihre Schuhe aus, duschen Sie gründlich – und tauchen Sie ein ins wärmende Nass.

