Der Eisfjord ist Schauplatz eines der gewaltigsten Naturspektakel der nördlichen Hemisphäre. Hier kalben im Stundentakt Eisberge. Höchstwahrscheinlich entstand hier auch jener Eisberg, der der Titanic zum Verhängnis wurde. Nachdem er Grönland umrundet hatte, brachte er bei seinem tragischen Rendezvous eines der größten technischen Meisterwerke seiner Zeit innerhalb weniger Stunden zum Sinken.
Wie wohl bei den meisten Reisenden, die erstmals nach Grönland aufbrechen, stellte sich auch für mich die Frage: Wohin auf einer Insel mit 2,1 Millionen Quadratkilometern Fläche?
Eine Empfehlung, die ich bereits im Vorfeld aus Grönland erhalten hatte, lautete: Ilulissat, nördlich des Polarkreises gelegen. Der Name bedeutet übersetzt „Eisberge“ und könnte kaum treffender sein.
Die wärmsten Kleidungsstücke wurden zusammengesucht, und die Reise begann. Über Kopenhagen ging es mit Air Greenland nach Kangerlussuaq, dem „langen Fjord“. Hier befindet sich der wichtigste internationale Flughafen Grönlands mit einer Landebahn, die auch Großraumflugzeuge aufnehmen kann. Der Zeitunterschied zu Deutschland beträgt vier Stunden und entspricht damit in etwa der Flugzeit.
Sonnenschein und Tauwetter empfingen uns bei der Ankunft. Im Sommer sind Temperaturen von bis zu 20 Grad Celsius im Schatten hier keine Seltenheit.
Am nächsten Tag flogen wir in nur 45 Minuten weiter nach Norden in Richtung Ilulissat. Das Wetter zeigte sich hier deutlich grönländischer, doch auch hier begann der Schnee bereits zu schmelzen. Der Ort zählt etwa 5.000 Einwohner und vermutlich ebenso viele Schlittenhunde. Katzen sollten daher besser zu Hause bleiben.
Besonders faszinierend sind diese halbwild gebliebenen Hunde, die bis heute nicht vollständig vom Schneemobil verdrängt wurden. Ich konnte es mir nicht verkneifen, mit einem vorbeistolzierenden Welpen Freundschaft zu schließen. Anfangs scheu, dann jedoch umso verspielt, eroberten diese kleinen Kerle schnell mein Herz.
Vorsicht ist allerdings geboten, wenn sich eine Mutterhündin in der Nähe befindet oder die Welpen noch sehr jung sind. Ebenso sollte man die Reichweite der Ketten, an denen die Hunde angebunden sind, nicht betreten, denn dort beginnt ihr Revier. Im Ernstfall gehorchen die Tiere ausschließlich ihrem Besitzer.
Ich selbst nahm es mit diesen Regeln nicht allzu genau und marschierte prompt mitten durch eine Hundesiedlung. Ein kräftiger Rüde testete mein Verhalten mit einigen angedeuteten Sprüngen und Scheinangriffen, doch meine Dreistigkeit blieb letztlich unbestraft.
In gewisser Weise erinnern die Hunde an Islandpferde: intelligent, zuverlässig und dennoch bis zu einem gewissen Grad immer noch wild geblieben.
Zu bestimmten Tageszeiten wird der gesamte Ort vom Heulen der Hunde erfüllt. Das an Wölfe erinnernde Konzert gehört zu den eindrucksvollsten Klangerlebnissen Grönlands.
Die Inuit bewohnen Grönland seit Jahrtausenden. Bis vor wenigen Jahrzehnten lebten sie in enger Gemeinschaft mit ihren Hunden, die ihnen über Generationen hinweg als einziges Transportmittel dienten. Auch heute spielen die Tiere noch eine wichtige Rolle im Alltag vieler Menschen.
Das schmelzende Eis und die ständig kalbenden Eisberge vor den Toren Ilulissats bringen große Mengen Sauerstoff in das Meerwasser. Dadurch entsteht eine äußerst produktive Nahrungskette mit entsprechend reichem Fischbestand. Schwarzer Heilbutt und Krabben aus dem benachbarten Eisfjord werden mit Kuttern und kleinen Booten gefangen und anschließend im Hafen für den Export verladen.
Im Winter, wenn die Eisverhältnisse den Schiffsverkehr erschweren oder unmöglich machen, werden die Waren eingefroren und bis zum Frühjahr eingelagert.
Über viele Jahre lebten in Ilulissat die deutsche Grönlandkennerin Elke Meissner und ihr Partner Dieter Zillmann. Beide machten die Region zahlreichen Besuchern zugänglich und organisierten Ausflüge in die benachbarte Siedlung Rodebay. Dort konnten Gäste das Leben der Einheimischen aus unmittelbarer Nähe kennenlernen, traditionelle Lebensweisen erleben und eine der von Grönländern geführten Gaststätten besuchen.
Während der etwa einstündigen Bootsfahrt von Ilulissat nach Rodebay eröffneten sich ständig wechselnde Ausblicke auf gewaltige Eisriesen. Die Eisberge erschienen in unterschiedlichsten Formen und Farben, mal schneeweiß, mal leuchtend blau, mal durchsetzt von dunklen Gesteinsschichten. Gleichzeitig vermittelte Dieter Zillmann mit beeindruckender Detailkenntnis die Besonderheiten dieser einzigartigen Landschaft.
Wurde die Strecke mit seinem schnellen Privatboot zurückgelegt, verkürzte sich die Fahrzeit deutlich. Doch sobald sich die Eisberge zu dichtem Packeis zusammenschoben, kamen selbst starke Motoren an ihre Grenzen. Dann waren nicht mehr Geschwindigkeit und Pferdestärken gefragt, sondern Erfahrung, Geschick und starke Nerven.
Das ist Grönland.
Auch unsere Rückfahrt von Rodebay nach Ilulissat wurde zeitweise vom Packeis blockiert. Immer wieder schien der Weg versperrt. Schließlich fand der Steuermann jedoch eine sichere Route zurück zum Hafen.
„Das ist hier ganz normal“, kommentierte Dieter Zillmann gelassen.

